Leseprobe: „Der empfindsame Titan – Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke“

Um es gleich vorwegzunehmen: Abende wie diese kann er auf den Tod nicht ausstehen. Zaudernd steht er vor dem Palais Kinsky, einem prächtigen vierstöckigen Gebäude, dessen Dach weiß schimmernde Skulpturen krönen. Unaufhörlich rollen elegante Equipagen heran, Pferdegetrappel und Stimmengewirr erfüllen den Vorplatz des Palais. Durch das wuchtige Barockportal, flankiert von zwei monströsen Karyatiden, strömt die Crème der Wiener Gesellschaft, um dem mit Spannung erwarteten Klavierduell des heutigen Abends beizuwohnen. Das heißt, es wird wohl eher eine unterhaltsame Hinrichtung werden. In jedem Falle aber ein ungleicher Kampf. Der berühmte Abbé Joseph Gelinek, seines Zeichens Pianist, Komponist und Kaplan in fürstlichen Diensten, tritt an diesem 21. Juni 1798 gegen einen gewissen Ludwig van Beethoven an. Ludwig – wer? Genau. Keiner kennt ihn, niemand hält für möglich, irgendein Nobody könnte den gefeierten Gelinek übertrumpfen. „Diesen fremden Clavieristen wollen wir zusammenhauen“, hat der Abbé schon im Vorfeld getönt. Für den klavierspielenden Theologen steht das Ergebnis bereits fest.  

Für Beethoven auch – falls er überhaupt mitmacht. Noch immer verharrt er unschlüssig vor dem Palais Kinsky. Warum hat er sich bloß auf dieses unwürdige Schauspiel eingelassen? Die überaus beliebten Pianistenwettbewerbe sind eine einzige Beleidigung für seine empfindsame Künstlerseele. Schließlich ist er Komponist und keine Zirkusnummer. Ohnehin fühlt er sich fehl am Platz. Das hier ist nicht seine Welt – der Wiener Hochadel mit all dem Prunk und dem gezierten Gehabe. Viel lieber würde er daheim am Klavier sitzen. Oder im Wirtshaus, bei  Blutwurst mit Kartoffeln, einem seiner Leibgerichte. Noch lieber wäre er jedoch in Paris, der Stadt der glorreichen Revolution. Dort hat man kurzen Prozess gemacht mit den Privilegien, die dem Adel qua Geburt, nicht etwa durch besondere Verdienste zufallen. Im Namen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurde die Adelskaste liquidiert. Seitdem hallt die Marseillaise durch Europa, ein unüberhörbarer Abgesang auf die alten Herrschaftsverhältnisse. Nur in Wien tun mal wieder alle so, als sei nichts gewesen.   

„Solange der Österreicher noch braun’s Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht“, murmelt Beethoven. Aber solange ich mir jeden Groschen sauer verdienen muss, fügt er innerlich hinzu, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als in die Arena zu steigen und mich entsprechend auszustaffieren, auch wenn es schade um das Geld ist. Allein die schwarzen Seidenstrümpfe haben ihn einen ganzen Dukaten gekostet.  

Widerwillig schließt er sich dem Gästestrom an, der sich gemessen in den Innenhof des Palais schiebt. Verflucht, das Leben in Wien ist kompliziert und teuer. Einer seiner Gönner, Fürst Lichnowsky, hat ihm vor Kurzem angeboten, mittags immer bei ihm zu speisen. Aber da müsste man ja jeden Morgen feine Kleidung anlegen und eigens den Barbier kommen lassen. Natürlich hat Beethoven abgelehnt.  

Während er die Marmortreppe des üppig stuckatierten Stiegenhauses hochschreitet, vorbei an livrierten Dienern und mannshohen Kandelabern, ballt er unwillkürlich die Fäuste. Niemand ahnt, wie sehr er es verabscheut, sich in Gesellschaft am Klavier zu produzieren. Besonders wenn man ihn dazu drängt. So wie neulich bei einem Empfang des Fürsten Lichnowsky. Die Schwiegermutter des Fürsten, die alte Gräfin Thun hat sogar auf den Knien vor ihm gelegen und gefleht, er möge doch etwas spielen.  Gänzlich unbeeindruckt ist er in seiner Sofaecke sitzengeblieben und hat der untröstlichen Dame eine Abfuhr erteilt. In seiner Situation ist das in etwa so absurd, als würde sich ein Meisterkoch weigern, seine kulinarischen Kreationen zu servieren. Aber muss er sich deshalb gleich zum musikalischen Lakaien degradieren lassen?   

Nein, er will nicht mehr vorgeführt werden wie ein dressiertes Äffchen.  Von frühester Kindheit an wurde er vom Vater ans Klavier geprügelt, musste bis spät in die Nacht seine Exerzitien treiben und schon als Halbwüchsiger vor Publikum konzertieren. Dennoch hat es nicht geklappt mit dem Wunderkind-Coup. Ein Kinderstar wie Mozart ist er keineswegs geworden, dafür ein brillanter Pianist, der noch dazu glänzend improvisieren kann. Es war seine erste Revolte gegen den Vater. Statt das vorgegebene Repertoire zu üben, hat er eigene Melodien erfunden, mit neuen Klängen experimentiert. Und noch immer spürt er die väterlichen Ohrfeigen auf den Wangen, wenn er zu „fantasieren“ wagte. 

Paradox genug: Genau dieses „Fantasieren“ könnte jetzt sein Ticket zum Erfolg werden. Er weiß es. Er hat es unzählige Male erprobt, schon damals in Bonn, als er noch in der Hofkapelle diente. Wenn er improvisiert, spielt er auf der Klaviatur der Gefühle, und sein Publikum liegt ihm zu Füßen: Weinen, Schluchzen, Jubel, alles ist möglich. Und er? Lacht sich heimlich ins Fäustchen.  

In der Prunketage des Palais angekommen, späht er durch die geöffnete Tür des Musiksaals. Angeregtes Geplauder hallt durch den hohen ovalen Raum, nur leicht gedämpft durch rotseidene Tapeten und schwere Samtportieren. Das Rascheln kostbarer Roben mischt sich mit dem Klirren von Gläsern, es riecht nach Puder, Parfums und nobler Herablassung. Letzteres wird sich gleich ändern: durch Ludwig van Beethoven, über dessen kometenhaften Aufstieg am Wiener Musikhimmel Gott und die Welt redet. Nun ja, reden würde, wenn da nicht die lästige Konkurrenz wäre. 

„Die hiesigen Klaviermeister sind meine Todfeinde “, hat Beethoven unlängst einer Freundin aus Bonner Tagen geschrieben. Was ihn besonders wurmt: Wenn er bei solchen Wettbewerben eigene Werke zum Besten gibt, stehlen ihm seine Konkurrenten die besten Ideen und brüsten sich am nächsten Tag damit. Verhindern kann er das nicht, denn die Duelle folgen einem festen Reglement: Zuerst spielen die Kontrahenten jeweils eine eigene Komposition, danach folgt ein frei improvisiertes Stück, in der dritten Runde muss man dann ein Werk des Gegners spielen. Aber Beethoven weiß schon, wie er seinen mediokren Mitbewerbern demnächst ein Schnippchen schlagen wird: mit seinen Variationen über „Se vuol ballare“ aus Mozarts Figaro. Dafür braucht man nahezu aberwitzige virtuose Fähigkeiten, daran werden sich seine Konkurrenten die Zähne ausbeißen. 

Verstohlen hält Beethoven nach Abbé Gelinek Ausschau, dem Musiklehrer und Hauskaplan des Gastgebers Fürst Kinsky. Der Theologe gilt als kunstfertiger Klavierspieler, komponiert Gefälliges für den breiten Publikumsgeschmack und soll ein begabter Improvisateur sein. Aber gemach. Bisher hat Beethoven noch keinen Pianisten erlebt, der ihm das Wasser reichen könnte.  Sicher, es gibt durchaus Kollegen, die es an Fingerfertigkeit mit ihm aufnehmen können, doch da ist dieses gewisse Etwas, das ihnen fehlt: die Gabe, ihre Zuhörer in den Bann zu schlagen, sie zu berühren, zu überwältigen. Man braucht ein gutes Gespür für effektvolle Kontraste, von donnernden Läufen bis zu zart beseelten Kantilenen, und man braucht einige Erfahrung mit den Reaktionen des Publikums. Beethovens Talente als Don Juan mögen sich in Grenzen halten, aber wie man mit Musik verführt, das weiß er besser als jeder andere. Er gibt sich einen Ruck. Also schön, bring sie zum Weinen, bring sie zum Jubeln, begeistere sie. 

Beethoven ist bereit. Falls alles läuft wie erhofft, wird ihm dieser Abend reiche Kompositionsaufträge einbringen, und er wird sich eine anständige Wohnung leisten können und ein besseres Klavier mieten und… In diesem Moment entdeckt er einen hochgewachsenen hageren Herrn mit etwas strengen Gesichtszügen, dessen enge schwarze Halsbinde ihn als Theologen ausweist. Das muss Gelinek sein. Fast aristokratisch wirkt er mit seiner Adlernase und dem forschen, selbstgewissen Blick. Für einen Mann Gottes sind seine Umgangsformen bemerkenswert geschmeidig. Beflissen verteilt er Handküsse an die Damen und begrüßt seine männlichen Fans mit formvollendeten Verbeugungen. 

Auf der Stelle fühlt sich Beethoven unbehaglich. Verglichen mit diesem smarten Gelinek, ist sein Auftreten linkisch, das weiß er nur zu gut, und sein Spiegel verrät wenig Schmeichelhaftes. Die kugelartig gewölbte Stirn, die vorspringende Kinnpartie mit den wulstigen Lippen und der pockennarbige dunkle Teint haben ihm als Kind manche Hänselei eingetragen. Einen Mohren nannten ihn die anderen Kinder. „O Gott, was ist man geplagt, wenn man ein so fatales Gesicht hat wie ich“, gesteht er einmal einem Freund.   

Ach, was soll’s. Im Grunde ist ihm sein äußeres Erscheinungsbild vollkommen egal. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien hat er noch einen Termin beim Perückenmacher vereinbart, weil Perücken zum höfischen Style gehören und auch sein Lehrer Haydn so ein Ding trug. Mittlerweile pfeift Beethoven auf derartige habituelle Albernheiten. Sie passen einfach nicht zu seiner revolutionären Gesinnung. Wer trägt denn in Paris noch Perücken? Sollen sich die vornehmen Wiener Herrschaften doch das Maul zerreißen, weil er mit wirrem Haar auftritt, kaum gebändigt durch Kamm und Schere. Ein Beethoven passt sich nicht an. Ein Beethoven hat andere Qualitäten, und die wird er heute unter Beweis stellen. 

Ein Raunen geht durch den Raum. Aha, da kommt er also anmarschiert, Abbé Gelinek, der Herausforderer. Pass mal auf, du Jungspund, signalisiert seine angriffslustige Miene, das ist ein Heimspiel für mich, mit dir werde ich im Handumdrehen fertig. 

Nicht nur Beethoven nimmt die unausgesprochene Kampfansage wahr. Nach und nach verstummt das Geplauder ringsum, es wird still im Saal. Neben dem geöffneten Flügel nimmt Fürst Ferdinand Johann Nepomuk Kinsky von Wchinitz und Tettau Platz, eine imposante Erscheinung in goldbetresster Galauniform. Wohlwollend nickt er Beethoven zu. Der weiß plötzlich nicht, wohin mit den Händen. Wenn er doch nur schon am Flügel säße, da würde alle Befangenheit von ihm abfallen. Doch dieser vermaledeite Abbé denkt gar nicht daran, ihn so rasch zu erlösen. Sehr von oben herab lässt er seinen jungen Kontrahenten wissen, dass das Reglement geändert wurde: Er wird als Erster spielen und  ein Thema vorgeben, über das Beethoven anschließend  improvisieren soll. 

Ob der Abbé weiß, was er da tut? Offenbar hat dieser aufgeblasene Kerl keinen Schimmer. Es kostet Beethoven einige Mühe, seine klammheimliche Genugtuung zu verbergen. Die Improvisation ist sein Joker, diese Entfesselung aller musikalischen Kräfte. Nein, Gelinek hat keine Ahnung, was ihm blüht. Mit einem gönnerhaften Lächeln wendet er sich ab, nimmt am Flügel Platz und beginnt zu spielen. Beethoven kann es kaum erwarten, dass das kümmerliche Stückchen endet. Sein musikalisches Gedächtnis ist enorm; mit allergrößter Leichtigkeit kann er jede beliebige Musik memorieren und auf dem Klavier wiedergeben. Deshalb hat er alles im Kopf, als die Vorstellung endlich vorbei ist. Vor allem aber denkt er Gelineks Thema schon weiter, die Modulationen, die rhythmischen Varianten, als er zum Flügel schreitet. Dieser vorwitzige Kaplan kann sich auf etwas gefasst machen. Ohne zu zögern, legt Beethoven los.