Über mich

Ein neugieriger, aber auch leicht kritischer Blick in die Welt

Ein neugieriger, aber auch leicht kritischer Blick in die Welt

Was fällt dir zu deiner Kindheit ein?

Zwei Dinge werden kolportiert. Erstens: Ich konnte singen, bevor ich sprechen konnte. Zweitens: Ich sprach längst ganze Sätze, bevor ich laufen lernte. Es war ein turbulentes Familienleben im Pfarrhaus mit zwei älteren Geschwistern, zwei Großmüttern und Großvätern, einer Tante, einem Vikar und vielen Gästen. Da fiel niemandem auf, dass ich kurz vor meinem zweiten Geburtstag immer noch vergnügt in meinem Stühlchen saß. Eines Tages schlug unser Hausmädchen Gila Alarm: „Das Kind muss laufen lernen!“ Sie befreite mich aus meinem Stühlchen und übte im Garten mit mir.

 

Oha, wenn das mal gut geht … Geht doch!

Oha, wenn das mal gut geht … Geht doch!

Was lernt man im Pfarrhaus?

Hm. Ich kann nur für mich sprechen. Als da sind: Klavier, Geige, Flöte und Gitarre spielen. Ein Nachtgebet sprechen. Im Kirchenchor singen. Jeden im Dorf grüßen. Choräle auswendig lernen. Jeden Bettler ins Haus bitten, um ihn mit Butterbrot nebst einer Tasse Kaffee zu bewirten. Und dass man alles schafft, was man sich vornimmt, notfalls mit einer Nachtschicht. Die stehende Rede meiner Mutter lautete: „Jede Stunde fehlenden Schlafes wird durch eine Scheibe Brot ersetzt.“ Okay, ich war bis circa vierzehn leicht moppelig.

 

Da wollte ich noch Goldmarie werden…

Da wollte ich noch Goldmarie werden…

Bis zur Pubertät.

Genau. Danach kamen die wilden Jahre. Ich sag nur: Siebziger. Ein Klima der Libertinage. Kein Aids. Sehr viel Spaß, sehr viele Partys. Im Dorf erzählte man sich mit Grausen, dass die Pfarrerstochter grünlackierte Fingernägel hatte.

Vorne rechts die Blonde…

Vorne rechts die Blonde…

War dein Berufswunsch immer Schriftstellerin?

So komisch es klingt: ja. Mit acht verfasste ich meine erste Geschichte. Sie hieß „Das Wurzelmännchen“. Meine Mutter tippte sie ab, ich illustrierte das Werk. Nun ja, im Rahmen meiner Möglichkeiten. Als ich dann verkündete, ich wollte später Schriftstellerin werden, lächelten die Erwachsenen, wie Erwachsene eben lächeln, wenn Kinder sagen, sie würden später Astronaut werden.

 

Heftiger Liebeskummer. Er hieß Till und spielte den 3. Liebestraum von Liszt für mich

Heftiger Liebeskummer. Er hieß Till und spielte den 3. Liebestraum von Liszt für mich

Jetzt bist du Schriftstellerin. Glücklich?

Absolut. Schon während des Studiums schrieb ich, dann nebenher, als ich fürs Fernsehen arbeitete, auch während meiner Zeit bei Cicero und Focus. 1998 erschien mein erster Roman „Gefecht in fünf Gängen“. Harry Rowohlt schickte mir daraufhin einen rührenden Brief, der mit den Worten „dunkelgelber Neid“ endete.

Moment, vorher gab’s ein Buch über Adorno.

Ja, das kam schon 1993, bei Suhrkamp. Ich war unfassbar stolz. Siegfried Unseld lud mich zum Mittagessen ein, um mich als neue Autorin willkommen zu heißen. Wir gingen in die „Ente vom Lehel“, damals ein Sternerestaurant in Wiesbaden. Leider habe ich tagsüber kaum Appetit. Nachdem ich also ein winziges Süppchen geschlürft und drei Salatblätter eingeatmet hatte, sah mich Siegfried Unseld traurig an: „Ich habe Sie gar nicht verwöhnen dürfen.“ Er verlangte die Weinkarte und bestellte eine Flasche Chateu Pétrus für tausend Mark. Nachdem wir sie geleert hatten, lächelte er. „Sehen Sie, jetzt habe ich Sie doch noch verwöhnt.“ Das vergesse ich nie.

 

Die Studentin. Sorry, voll Achtziger

Die Studentin. Sorry, voll Achtziger

 

Adorno — warum gerade er?

Der Erstkontakt entstand über die musikalischen Schriften. Dann habe ich fast alles von ihm gelesen, von den frühen Konzertkritiken bis zur Ästhetischen Theorie. Ein hochorigineller Denker, ein umständlicher, aber brillanter Stilist, übrigens auch ein scharfsinniger Beobachter. Ich liebe Sätze wie diese: „Die Qualität eines jeden der ungezählten Autos, die am Sonntagabend nach New York zurückkehren, entspricht genau der Hübschheit des Mädchens, das darin sitzt.“ Oder: „Die angelsächsischen Prostituierten sehen so aus, als ob sie mit der Sünde auch gleich die Höllenstrafe liefern“.

Du gingst nach dem Studium zum Fernsehen – wieso?

Ganz einfach, weil ich Lust auf das pralle Leben hatte. Und weil in den 90er Jahren so viel möglich war. Ich konnte mir die Themen damals aussuchen. Features über Neill Postman, Vivienne Westwood, Hans Magnus Enzensberger. Mein einstündiger Film über Friedrich Hollaender, den begnadeten Komponisten und Texter, mit Spielszenen, Chansons, altem Filmmaterial. Besonders liebe ich die 90-Minuten Dokumentation über Barpianisten. Es war eine Reise durch die Bars dieser Welt: Las Vegas, New York, London, Paris, Berlin, Wien, Tokyo. Und Casablanca, wo es ein schräges Etablissement mit dem Namen „Rick’s Café“ gibt. Der Barpianist flehte mich an: „Bitte, bitte sagen Sie nicht: Play it again, Sam. Ich kann‘s  nicht mehr hören!“

 

Dreharbeiten zum Hollaenderfilm. Mit Samuel Fintzi und Tim Fischer

Dreharbeiten zum Hollaenderfilm. Mit Samuel Fintzi und Tim Fischer

Moderiert hast du auch?

„Ohne Wenn und Amen“, ein Wahnsinns-Talkformat, wo alles möglich war. Sendungen übers Sterben, wo Norbert Blüm vor laufender Kamera weinte. Oder über Engel. Eine Frau erzählte in der Sendung, sie habe einen Parkplatzengel, mit Namen Raffael. Das habe ich übernommen. In Berlin bekomme ich immer einen Parkplatz, Raffael sei Dank.

 

Ein wüster Kalauer: Ohne Wenn und Amen. Geguckt wurde trotzdem

Ein wüster Kalauer: Ohne Wenn und Amen. Geguckt wurde trotzdem

Und plötzlich warst du Professorin.

Naja, nicht über Nacht. Vorher hatte ich Lehraufträge an der Universität der Künste Berlin gehabt. Meine Themen: Kommunikation und Kreativität. Dann fragte man mich, ob ich dort eine dreijährige Gastprofessur annehmen wolle. Ja, wollte ich. Es waren so tolle, wache, gescheite Studenten. Am höchsten frequentiert wurde meine Vorlesung über die Geschichte der Kommunikation: „Vom Rauchzeichen zur Email.“ Darin ging es unter anderem um die entfesselte Briefeschreiberin Madame de Pompadour. Eine grandiose Netzwerkerin, zuweilen auch eine virtuose Intrigantin. Ganz eindeutig gehörte sie zu den Damen, von denen sie sagte: „Manche Frauen haben die ganze Brust voll Hirn“. Ziemlich schlau. Denn Männer schauen meist nur auf die Brust.

Ohne Worte

Ohne Worte

Was war die wichtigste Zäsur deines Lebens?

Mein Sohn, ganz klar. Das Beste, was mir je widerfahren ist. Das volle, ungetrübte Glück.

 

Fluch der Karibik in Berlin

Fluch der Karibik in Berlin

Wie bist du bei Cicero gelandet?

Nach einer Bambi-Verleihung (!) saß ich beim anschließenden Bankett neben Wolfram Weimer. Wir unterhielten uns stundenlang. Zwei Wochen später saß ich in einer Potsdamer Villa, wo unter dem Decknamen Tristan ein neues politisches Monatsmagazin geplant wurde. Eine wunderbare Zeit. 2004 fing ich als Ressortleiterin des „Salons“ an. Unsere Redaktion war eine kleine verschworene Truppe. Klar, es gab auch Konferenzen, doch meist gingen wir zusammen Mittagessen, blödelten herum, erfanden Themen, und das nächste Heft stand. Das heißt: Falls nicht Last-Minute-Ideen eintrudelten. Dann sagte Wolfram, während er eine fertige Geschichte im Papierkorb versenkte: „Tja, das Bessere ist der Feind des Guten.“ Mein Lieblingskollege Markus Hurek hingegen erheiterte mich mit dem Spruch: „Wer recherchiert, ist meinungsschwach.“

Dein Gastspiel beim Focus war auffallend kurz.

Stimmt. Der ambitionierte Relaunch scheiterte an der Beharrungskraft des  Faktischen. Nach nur einem Jahr warf Chefredakteur Wolfram Weimer das Handtuch, und nun gab es für mich kein Halten mehr: Ich wollte zurück nach Berlin. Es ist meine Stadt. Das kleine Welttheater des Kudamms. Die Konzerte, das Theater, das Ballett. Die Clubs, die von Freitagnachmittag bis Montagmorgen geöffnet haben. Die Schnoddrigkeit der echten Berliner. Die zwei, drei Lieblingslokale, in denen ich mich zuhause fühle. Wer etwas gegen Berlin sagt, dem koffer ick wat vors Rejal.

„Der Rache süßer Atem“, dein neuer Roman, spielt auch in Berlin.

Wo sonst? Das Buch ist eine Reise durch Milieus und Kieze, die es so woanders nicht gibt. Heldin Maria hat ein Faible für sehr unterschiedliche Männer – ein Professor, ein Kellner, ein Politiker, ein Banker, ein Musiker, ein Maler. Sie alle stehen auf ihrer Todesliste. Da versteht sich ein Hausbesuch von selbst.

Im Roman wird scharf geschossen. Was ziemlich echt wirkt.

Seit einem Jahr bin ich Mitglied der Rudower Schützen 1960 e.V. Dort kann ich viele verschiedene Waffen ausprobieren – Pistolen, Revolver, Vorderladergewehre, sogar eine Pumpgun. Doch das ist nur ein Sport, mit meditativem Touch. Im wahren Leben bin ich eher friedliebend.