Schwindel

Schwindel


„Ich brachte ihnen Likör ans Bett und Pralinen, oder ich steckte mir eine Rose hinters Ohr und küsste ihnen die großen Zehen, bis sie lächelten.“

Er ist ein Barpianist, Heiratsschwindler und Frauenmörder. Sie ist eine brillante Psychologin auf der Suche nach der Wahrheit. Nach seiner Verhaftung auf offener Bühne treffen sie im Gefängnis aufeinander. Im geschliffenen Dialog legt der Virtuose der Verführung seine Beichte ab und versucht dabei ein weiteres Mal sein Glück. Doch ahnt er nicht, dass er sein Spiel zum ersten Mal mit einer ebenbürtigen Partnerin spielt.

 

Rezensionen

Erschienen
2000
ISBN
978-3462028829

REZENSIONEN


Ich las Christine Eichel, las von der steilen Karriere eines ehemaligen Kurorchester- und Barpianisten als Hochstapler und Heiratsschwindler. Atemberaubend die Tricks und Bekenntnisse dieses „Meisters leerer Versprechungen“, dieses „Virtuosen des Tarnens und Täuschens“. Sehr lustig zu lesen, wie da einer diese oder jene herumkriegt, mal zu einem Griff ins fette Portemonnaie, mal zu einem Quickie im Hotel. Toll, wie Christine Eichel sich in die Geheimnisse und Gepflogenheiten einer aussterbenden kriminellen Zunft hineingekniet hat. Klar, dass die Autorin mit ihrem halbseidenen Helden auch Höheres im Schilde führt. Christine Eichel schiebt ihrem rhetorisch unglaublich versierten und musikalisch sagenhaft gebildeten Helden Lebensweisheiten in den Mund, die vor allem eines belegen: die eigene Bildung und gesteigerte Spottlust der Autorin.

Die Zeit

Schwindel hat Christine Eichel ihren Roman genannt – mit aller Betonung auf dem Doppelsinn des Wortes. Denn von dem ebenso faulen wie berauschenden Schwindel, den dieser Charmeur sogar noch hinter Gittern in Gang setzt, wird auch Frau Dr. Mayntz erfaßt. Bestellt ist sie in diesem Fall zwar als psychologische Gutachterin, die den Häftling für das Gericht analysieren soll. Doch während sie seinen biografischen Auskünften, seinen Bekenntnissen und Tatbeschreibungen lauscht – wobei sie auch manche Anzüglichkeiten über sich ergehen lassen muss –, währenddessen verfällt sie ihm selbst. Sie verfällt seinem pomadigen Glamour, seiner Bildung, seiner treffsicheren Anmache und seinem künstlerischen Wesen. Schließlich ist er der Mann, der Klavier spielen kann, wenn auch nur in Bars und Kurkonzertmuscheln. Über Musik reden aber kann er – wie über die Frauen –, als hätte er sie erfunden. Zwar wird im Dialog zwischen der schönen Psychologin und dem männlichen Biest zuweilen ein bisschen viel rhetorischer Goldstaub aufgewirbelt. Aber alles in allem ist der Autorin doch wieder ein Kabinettstückchen gelungen.

Süddeutsche Zeitung

Schon in „Gefecht in fünf Gängen“ (1998), einer kulinarischen Satire auf die mafiosen Rituale des Literaturbetriebs, erwies sich die mittlerweile in Berlin lebende Christine Eichel als überaus scharfzüngige und gewitzte Beobachterin zwischenmenschlicher Delikatessen. Parallel zur Produktion eines Filmfeatures über die großen Hotelpianisten dieser Welten stand nun dieses erotische Kammerspiel voller Finessen und Zwischentöne. Man erfährt zum Beispiel, warum Männer Frauen nie Perlen schenken sollten, die Temperatur von Chopins „Nocturnes“ und etwas über das veränderte Berufsbild des Heiratsschwindlers: „Wir waren die Meister der leeren Versprechungen, die Virtuosen des Tarnens und Täuschens. Heute bin ich mehr Dienstleister als Fallensteller. Einsamkeitsbegleiter. Depressionsbetreuer… Jemanden wie mich gibt es in zwanzig Jahren auf Krankenschein.“ In Zeiten sexueller Vulgarisierung erscheint der elegante und stilbewußte Galan trotz seiner niederen Absichten wie ein Fossil aus alter Zeit, das wieder in Mode kommen könnte. Wer so geistreich und unterhaltsam zu erzählen weiß, dem verzeiht man gerne jeden „Schwindel“; nein, man bedankt sich noch dafür.

Literaturkritik.de

Stand das nicht jüngst in den Tagesnachrichten? Da war doch etwas zwischen einer Psychologin und einem Frauenmörder? Das Thema ist dem wahren Leben entnommen, aber brillant von Christine Eichel literarisch bearbeitet. Ein Roman in Dialogform, spannend von der ersten bis zur letzten Silbe. Ohne weiteres könnte der Stoff als Zweipersonenstück auf die Bühne gebracht werden, lässt den Leser voyeuristisch miterleben, wie der alternde Barpianist, Heiratsschwindler und letztendlich Frauenmörder der Gefängnispsychologin, die für die Verhandlung ein Gutachten erstellen soll, sein Leben schildert, wie er sich ihr unter Aufbietung seines ganzen Charmes nähert, um seinen Kopf zu retten. Wird sie ihm erliegen wie all die Damen zuvor, oder hat sie ihm als Profi in Sachen Psyche etwas entgegenzusetzen? Etwas über den Verlauf oder gar Ausgang dieses Beziehungsduells zu verraten, würde das Lesevergnügen nur schmälern.

Hamburger Abendblatt