Im Netz

Im Netz


„Wenn es stimmt, dass ein Liebhaber leichter zu ersetzen ist als ein Ehemann, dann habe ich eigentlich nichts zu befürchten. Auf dich, mein kalter Gefährte. Ich werde jeden Tag daran denken, dich zu vergessen.“

„Wir sind füreinander geschaffen wie die Spinne und das Netz“, schreibt Rex, Marthas mysteriöser Chatflirt. Es ist der Beginn einer Liaison dangereuse. Denn Rex behauptet zu wissen, wie Marthas Lover umgekommen ist, jener Mann, der gerade in der Anatomie seziert wird … Martha ist zweiunddreißig Jahre alt und auf dem besten Wege, der Welt abhanden zu kommen. Die schüchterne Bühnenbildnerin hat gerade durch einen Unfall ihren Liebhaber verloren und durchlebt jetzt eine höchst bizarre Zeremonie des Abschieds: Der Körper ihres Liebsten befindet sich im kühlen Zwischenlager der Anatomie, wo er ein halbes Jahr lang fachgerecht von Medizinstudenten seziert werden wird. Regelmäßig besucht sie den toten Geliebten, durchlebt in Gedanken noch einmal ihre desaströse Beziehung.§In den einsamen Nächten beginnt sie zu chatten. Halbherzig erst, dann immer faszinierter. Denn im Netz lernt sie Rex kennen, einen mysteriösen Mann, der behauptet, ihre wahre Identität zu kennen und zu wissen, wie ihr Lover umgekommen ist. Der Roman zieht den Leser in einen erotischen Thriller, der sich zwischen beklemmender Komik und lustvoller Grenzüberschreitung bewegt – und mit einem überraschenden Ende aufwartet.

 

Rezensionen

Erschienen
2004
Seitenzahl
304
ISBN
978-3455017410

REZENSIONEN


Über die Stränge schlagen. Ein anderer sein. „Im Sex-Chat kann man sich verwandeln“, erklärt Christine Eichel, 44, Schriftstellerin und Philosophie-Professorin. „Vor allem Frauen wagen, was ihnen sonst nicht erlaubt ist.“ Alles sei anonym. „Und wenn es zu heiß wird, kann man sich jederzeit zurückziehen.“ Eichels neue Romanheldin verpasst diese Chance: Der Fremde aus dem Erotik-Chat kommt ihrer Identität auf die Spur und fängt sie „Im Netz“ ihrer Phantasien. Für ihr neues Buch hat die Wahlberlinerin nächtelang im Sex-Chat recherchiert. Heute stellt sie den Roman vor, der ungemein spannend, erotisch und voller überraschender Wendungen ist! Was macht Sex-Chats so beliebt? „In den Medien wird den Leuten lebenslanges Begehren vorgeführt. Im Netz suchen sie das Herzklopfen, das sie im Alltag verloren haben“, so Eichel. „Das muss nicht schlecht sein, denn man kann sich dabei selbst besser kennenlernen. Gefährlich wird’s erst, wenn man nur noch im Netz lebt.“

BZ

So muss er vielleicht aussehen, der realistische Berlin-Roman: ein bisschen Theater-Bohème mit zickigem, sehr weltabgehobenen Regisseur, ein bisschen Crime mit Kommissaren von altem Adel und ein kräftiger Schuss Sadomaso. Die junge Bühnenbildnerin, die gerade den verheirateten Geliebten an einen geheimnisvollen Tod verloren hat, begibt sich, den Befehlen aus dem Netz folgend, in ein türkisches Enthaarungsstudio, zu einem amerikanischen Tattoo-Spezialisten mit erweitertem Programm, auf die Bank eines kolossalen russischen Masseurs in Charlottenburg. Zur ersten Begegnung kommt es schließlich im Dunkel-Restaurant, auch so etwas gibt es in Berlin seit einiger Zeit. Die gesamte Nutzungsvielfalt eines solchen Restaurants, in dem die Leute ganz im Stockdunkeln essen und so weiter, wird mit liebevoller Ausführlichkeit ausgemalt.

Vor sechs Jahren erschien Christine Eichels erster Roman „Gefecht in fünf Gängen“, eine Satire über die Abgründe bei einem Dinner der Kulturschickeria. Dabei ging es vergleichsweise noch gesittet zu, es spielt ja auch in Hamburg. „Der Salon“, zusammen mit Gerhard Meir verfasst, kommt in seiner Beleuchtung der Münchner Schickeria auch noch vergleichsweise lieb rüber. Erst in „Erzähl mir alles!“, dem Salon-Folgeband, der in Berlin spielt, kriegt die Autorin Lust auf Abgründiges. Die Kulturkoryphäen hat sie immer noch auf dem Kieker, aber in der berlinischen Variante tragen sie nicht nur alle Schwarz, sondern sind auch sonst ganz authentisch. Susie, die Maskenbildnerin mit pragmatisch umgesetztem Nymphomaninnen-Appetit, Marc, der schwule Dramaturg, und natürlich Rainer, der leicht größenwahnsinnige Regisseur mit dem Geheimnis im Hintergrund. Die ganze Dekadenz der Stadt zu Beginn eines neuen Jahrhunderts auf engstem Raum versammelt.

Tagesspiegel