Deutschland, Lutherland

Deutschland, Lutherland


„Es steckt mehr Luther in uns, als wir denken. Trotz Säkularisierung und Entkirchlichung ist Deutschland immer noch Lutherland.“

Warum arbeiten wir Deutsche mehr als andere? Warum sind wir Sparweltmeister, haben ein dichteres soziales Netz als andere Länder und die reichste Orchesterlandschaft der Welt? Auf verblüffende Weise zeigt Christine Eichel die Nachwirkungen der Reformation. Denn noch immer ist Deutschland Lutherland, noch immer zeigen sich protestantische Einflüsse in Politik und Ökonomie, Kultur und Gesellschaft. Ein spannender Streifzug durch typisch deutsche Befindlichkeiten.

Ausgehend von Alltagserfahrungen, die sie in pointierten Anekdoten schildert, spürt Christine Eichel dem reformatorischen Denken und Handeln in der deutschen Gegenwart nach: in der auf Bescheidenheit bedachten Selbstinszenierung des Staates, im protestantischen Arbeitsethos, in typisch deutschen Wertedebatten, in der Verklärung der Familie als Ort privater Bildung oder im sozialstaatlichen Netz evangelisch geprägter nordeuropäischer Länder. Doch Christine Eichel zeigt auch die Schattenseiten der Reformation: von Luthers Antisemitismus und seinem Obrigkeitsdenken bis hin zum Verlust von Spiritualität. Ein leicht verständliches, oft verblüffendes und mit großer Genauigkeit recherchiertes Buch für alle, die wissen wollen, was Luther und die Reformation uns heute angehen.

 

Leseprobe

Rezensionen

Erschienen
2015
Seitenzahl
256
ISBN
978-3-89667-527-9

REZENSIONEN


epd-Interview


Das Literaturfestival LIT:potsdam veranstaltet am Samstag und Sonntag ein Lesewochenende zum Thema «Reformation und Leselust». Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle Bildung für reformatorisches und heutiges Denken spielt. Dazu diskutieren unter anderem der Philosoph Peter Sloterdijk, der Schriftsteller und Lyriker Durs Grünbein, die Autorin Thea Dorn und Opernintendant Jürgen Flimm. Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach mit Kuratorin Christine Eichel über den Programmschwerpunkt. 

epd: Frau Eichel, wie kamen Sie auf die Idee, Reformation und Literatur zusammen zu bringen?

Eichel: Ich bin selbst Pfarrerstochter und beschäftige mich seit längerem mit der Geschichte des evangelischen Pfarrhauses und den Auswirkungen der protestantischen Kultur auf unser Selbstverständnis. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Bildung selten im Fokus steht, obwohl Luther mit seiner Bibelübersetzung eine breite Alphabetisierung und generell die Bildung aller Stände anregte, übrigens auch für Mädchen, was damals ein Novum war. Für ihn war Bildung der Schlüssel für den eigenständig glaubenden Christen, der Kern der Menschwerdung. Da stellt sich die Frage, was Bildung für uns heute bedeutet. Brauchen wir neue reformatorische Impulse? Darüber spreche ich mit unseren Gästen.

epd: Bildungsideen und Bildungsideale sehen Sie also als etwas ausgesprochen Protestantisches?

Eichel: Zum einen hatten Protestanten historisch belegbar einen deutlichen Bildungsvorsprung, was sie auch ökonomisch erfolgreicher machte. Zum anderen waren geistesgeschichtlich wichtige Protagonisten überwiegend protestantisch, denken Sie an Goethe und Schiller. Die Aufklärung wurde in Deutschland vor allem von Protestanten wie Kant und Lessing aufgegriffen, der auch ein Pfarrerssohn war. Zentrale aufklärerische Ideen wie Freiheit, intellektuelle Mündigkeit und gleichberechtigter Bildungszugang konvergierten mit den protestantischen Bildungsambitionen. Ein weiteres Beispiel ist Friedrich Eberhard von Rochow, der im 18. Jahrhundert eine wegweisende Dorfschule in Reckahn baute, wo unser Lutherwochenende stattfindet. Und dann ist der Protestantismus auch eine diskursive Spielart der Religion. Die von Luther geförderte Debattierfreudigkeit jenseits kirchlicher Dogmen, die Öffnung des Diskurses für Laien, die interpretative Lektüre der Bibel in Gemeinden und Bibelkreisen, das war etwas völlig Neues. Und, am Rande bemerkt, bin ich überzeugt, dass Debatten und Diskursfreudigkeit zur Toleranz beitragen. Da ist Luther wieder hochaktuell.

epd: Inwiefern?

Eichel: Jedes Bildungskonzept basiert auf einem spezifischen Menschen- und Gesellschaftsbild. Darüber wird Thea Dorn einen Vortrag halten. Heute fragen wir uns: Sollte sich Bildung noch an humanistischen Idealen orientieren, an einem klassischen Kanon? Oder geht es eher darum, junge Menschen fit für den Arbeitsalltag zu machen, im Sinne des human capital? Oder müssen wir Bildung und Erziehung vielleicht darauf ausrichten, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben und zum Beispiel mehr über Geschichte und Kultur des Islam im Unterricht vermitteln? Dann würde Bildung zu einem hochintegrativen Vorgang. Wir müssen also darüber sprechen, mit welchem Bildungsideal und welchen gesellschaftspolitischen Zielen Politiker unterwegs sind. Dazu gehört auch die Frage, welche kulturellen Institutionen staatlich gefördert werden sollten. Gehört die Oper noch zum Bildungsauftrag? Staatsopernintendant Jürgen Flimm wird das sicherlich bejahen. Andererseits wäre denkbar, manche Inhalte beispielsweise über Computerspiele oder Popmusik den Jugendlichen näherzubringen. Schon Luther nutzte Musik als Verkündigungs- und Bildungsmedium. Deshalb wird auch die Musik bei unserem Wochenende eine zentrale Rolle spielen.

epd: Nun scheint in Deutschland und anderswo die Bildungs- und Debattierlust zurückzugehen, Ressentiments und Hass treten in den Vordergrund. Drohen wir das protestantische Erbe Luthers zu verlieren?

Eichel: Dass hierzulande demagogisch argumentierende Gruppierungen einen Zulauf verzeichnen, hat meinem Eindruck nach weniger mit dem Protestantismus zu tun als mit einer urdeutschen Angst vor Vermischung und Überfremdung. Also mit einer Traditionslinie, die eine ausgrenzende Vorstellung von Volk und Rasse entwickelte und im Dritten Reich zu entsetzlichen Verbrechen  führte. Dazu kommt die ökonomisch motivierte Angst, dass einem etwas weggenommen wird, dass man für Menschen, die man hier nicht wünscht, zahlen müsse. Umfragen zeigen, dass die Furcht vor Wohlstandsverlusten sehr massiv ist.

epd: Könnte die Betonung protestantischer Werte für das Gemeinwesen dem entgegenwirken? 

Eichel: Christliche Nächstenliebe ist gefragt, ganz klar, außerdem soziales Engagement, wie es schon Luther forderte, und Toleranz. Protestantismus und Toleranz sind derzeit ein großes Thema, nicht nur in der Evangelischen Kirche. Gerade in Vorbereitung des Reformations-Jubiläums wird etwa die Aussöhnung mit dem Judentum betont. Luthers antisemitischen Spätschriften haben vielen Protestanten als Legitimierung eigener Ressentiments gedient und den Antisemitismus für spätere Jahrhunderte salonfähig gemacht. Ähnlich negativ wirkte sich Luthers Obrigkeitsgehorsam aus, die Vorstellung, jede weltliche Regierung sei gottgewollt. Auch das muss aufgearbeitet werden.

epd: Nicht alle sind mit dem Protestantismus glücklich. Wie sieht es denn mit den Autorinnen und Literaten aus, die Sie bei «Reformation und Leselust» zu Gast haben?

Eichel: Eigentlich haben alle spontan zugesagt. Nur Durs Grünbein stöhnte zunächst auf, weil er mit dem Protestantismus vor allem das Lustfeindliche, Bilderfeindliche und Obrigkeitshörige assoziiert. Andererseits war einer seiner besten Jugendfreunde Pfarrerssohn. Wie auch andere Intellektuelle in der DDR erlebte er das evangelische Pfarrhaus als Insel der Kultur und Debatte im Sozialismus. Die Veranstaltung mit ihm wird sicherlich spannend – keine kalendarische Jubelfeier, sondern eine kritische Bestandsaufnahme.

 

Kenntnisreich, voller interessanter Aussagen, weitläufiger historischer Streifzüge und intelligenter Beobachtungen.

focus.de

 

Die Deutschen mögen keine Aktien? Wegen Luther! Der fand Sparen besser. Wir denken autonom und haben wenige Kinder? Luther! Er bot dem Papst die Stirn und entwarf ein bis heute gültiges, aber schwer zu erreichendes Familienideal. Das alles berichtet Autorin Christine Eichel höchst lainig in ihrem Buch. Da gibt die Wahl-Berlinerin viele Beispiele: „Dass die beiden höchsten politischen Ämter von einer Pfarrerstochter und einem Ex-Pastor besetzt sind, ist alles andere als Zufall“, so Eichel. „Beide verkörpern protestantische Tugenden, Fleiß, Demut, Bescheidenheit. Verzicht auf Luxus und Selbstinszenierung. Das macht Angela Merkel und Joachim Gauck glaubwürdig.“ Ganz falsch lag dagegen Ex-Kanzler Schröder, als er teure Brioni-Anzüge trug und edle Zigarren rauchte, meint Eichel. „Das fand man unangemessen, wenn nicht obszön“. Also ließ sich Schröder bei nächster Gelegenheit an einer Currywurstbude fotografieren, und Kanzlerin Merkel betont gern, dass sie Eintöpfe liebt.

Autorin Eichel erzählt weiter Erstaunliches. Dass wir so andächtig im Konzert sitzen wie in der Kirche, sei ganz klar eine Folge der Reformation: „Zu Luthers Zeit diente die Musik für das Volk dem Tanzvergnügen“, berichtet sie. „Und bei der höfischen Musik wurde geschwatzt und gelacht.“ Erst Luther habe die Musik in die Kirche geholt, so Eichel: „Eine breite Bevölkerungsschicht kam mit komplexer Kunst-Musik in Berührung.“ Danach gründeten reiche Bürger Orchester. Bis heute gibt es in Deutschland 131 öffentlich finanzierte davon, das ist „weltweit Spitze“, so Eichel. Gern stellt sie die Frage, wie viele öffentliche Museen es in Deutschland gibt. Es sind 6000. Auch das ist, gemessen an der Bevölkerungszahl, unerreicht. Denn: „Für Luther hatte die Belehrung durch Kunst einen hohen Stellenwert. Er war kein Bilderstürmer.“ Ach ja, auch die Urform von Hartz IV hat Luther begründet, und zwar 1523 mit der „Leisninger Kastenordnung“. Eichel erklärt: „Darin war genau festgelegt, wer als bedürftig galt und wie viel Geld ihm zustand.“ Anspruch statt Almosen, das war Luthers Absicht.

Aber manchmal nervt Luther auch, gesteht Frau Eichel. „Das protestantische Lebensgefühl ist leider oft streng und lustfeindlich. Man weist sich gegenseitig zurecht.“ Als die Autorin im Restaurant mal eine zweite Cola Light bestellte,  fragte die Kellnerin: „Wissen Sie eigentlich, wie viele Schadstoffe darin sind?“ Eichel war völlig perplex. „Das ist halt die protestantische Erziehungsmentalität. Solche privaten Eingriffe verbitte ich mir.“

BZ

 

Luthers Reformation hat Deutschland geprägt, davon ist auch Christine Eichel überzeugt. Die Autorin wählt allerdings einen besonderen Ansatz: In ihrem Buch ergründet sie, wie sehr Luthers Denken, seine Theologie und sein Handeln bis heute den Alltag bestimmen. Dabei geht die Philosophin und Journalistin, die mit einer Arbeit über Theodor W. Adorno promoviert wurde, von Alltagsbeobachtungen aus: Sie erzählt von einer Frau, die drei Tage lang durcharbeitet, um eine Präsentation fertigzustellen. Sie schildert, wie spendenfreudig die Deutschen sind. Und sie verweist darauf, dass im aktuellen Kabinett neun evangelische Ministerinnen und Minister sitzen.

Gibt es so etwas wie eine deutsche Mentalität? Über diese Frage wurde und wird viel geschrieben und diskutiert, doch wenn es eine deutsche Mentalität gibt, dann geht sie wohl, so die Autorin Christine Eichel, auf Luther zurück. Ob es sich um die sprichwörtliche Sparsamkeit der Deutschen handelt, um die Kinderlosigkeit oder die Stellung der Frau in der Gesellschaft – grundsätzliche Weichenstellungen lassen sich für Eichel auf die kritische Haltung des Reformators zum katholischen Weltbild zurückführen und auf sein eigenes gelebtes Beispiel als Gegenentwurf. – Das Buch ist spannend und allgemeinverständlich geschrieben und weist auf überraschende Querverbindungen zwischen der gegenwärtigen kulturellen und gesellschaftlichen Verfassung unseres Landes und den während der Reformation aufkommenden Ideen hin. Für die promovierte Philosophin ist ihr Buch eine Einladung zur Diskussion, die – wenn sie auf diesem Niveau geführt wird – nur spannend und aufschlussreich werden kann.

Borromäus-Verein