Deutschland, deine Lehrer. Warum sich die Zukunft unserer Kinder im Klassenzimmer entscheidet

Deutschland, deine Lehrer. Warum sich die Zukunft unserer Kinder im Klassenzimmer entscheidet


„Über den Schulerfolg entscheiden nicht pädagogische Konzepte, Klassengrößen oder Lernstoffe, sondern die Persönlichkeit des Lehrers und sein Verhältnis zum Schüler.“

Aufopferungsvolle Pädagogen, faule Beamte oder Sündenböcke einer verfehlten Bildungspolitik – was sind Deutschlands Lehrer heute? Auf jeden Fall sind sie besser als ihr Ruf. Allerdings werden sie von der Politik allein gelassen, von der übergroßen Anspruchshaltung der Eltern überfordert und an den Hochschulen mangelhaft auf die Praxis vorbereitet. Über die Hälfte der Lehrer steht stark unter Stress und klagt über emotionale Erschöpfung. Auf der Basis neuer Konzepte von Pädagogen, Bildungsexperten und Hirnforschern werden Perspektiven eines neuen Berufsbilds gezeigt, das den Lehrer zum Coach werden lässt.

 

Rezensionen

Erschienen
2014
Seitenzahl
448
ISBN
978-3896675163

REZENSIONEN


Interview mit dem Standard /Österreich


STANDARD: In Ihrem Buch „Deutschland, deine Lehrer“ schreiben Sie, „das ist ein Thema mit hohem Verletzungsrisiko“ – für wen? Zumal Sie sich bei Ihren Recherchen über die „Risikopopulation“ Lehrer ja in der „Rolle des Frontberichterstatters“ wähnten.

Eichel: Die Schuldebatte ist emotional hoch aufgeladen. Es gibt eine verletzende Beschwerdekultur mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Das Klima ist vielerorts vergiftet. Schüler und Eltern kritisieren demotivierte, faule Lehrer, die Lehrer wiederum klagen über desinteressierte, renitente Schüler und wahlweise penetrante oder ignorante Eltern. Diese Frontbildungen verhindern, dass man sich gemeinsam um Verbesserungen bemüht. Stattdessen hofft man auf bildungspolitische Interventionen, die aber auf sich warten lassen. Die Leidtragenden sind letztlich Schüler und Lehrer.

STANDARD: Was bedeutet es, in Zeiten der „Bildungspanik“, die der deutsche Soziologe Heinz Bude vor allem bei Mittelschichteltern konstatiert, Lehrer oder Lehrerin zu sein?

Eichel: Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass zu viele Schulabsolventen mangelhaft gebildet sind. Kein Wunder, dass die Eltern alarmiert sind. Verständlicherweise machen sie sich Sorgen, ob ihre Kinder den wachsenden Anforderungen der Berufswelt gewachsen sein werden. Vor allem aber die schlechte Motivation der Schüler wird beklagt. Oft verlassen sie die Schule mutlos, orientierungslos, planlos. Das zeigt sich übrigens auch an den Universitäten: 35 Prozent der deutschen Bachelorstudenten brechen ihr Studium ab. Die Gründe wurden wissenschaftlich erforscht: Sie lauten Überforderung, Selbstorganisationsschwäche, defizitäre Motivation. Das sollte den Lehrern zu denken geben.

STANDARD: Sie fordern eine „Qualitätsoffensive“ für den Lehrerberuf? Was heißt das konkret?

Eichel: Es geht um eine umfassende Transformation des Lehrerberufs. Ihrem Selbstverständnis nach sollten Lehrer Coaches und Beziehungspersonen sein, die den Lernerfolg unterstützen, statt schlechte Leistungen mit schlechten Noten zu bestrafen. Dafür müssen sie besser, vor allem anders ausgebildet werden: Neben Fachkompetenz und didaktischem Know-how brauchen sie mehr Wissen über Kinder- und Jugendpsychologie, über Steuerungsprozesse in Gruppen, über Lernforschung und Motivationsbedingungen. Der nächste Schritt ist das Bewusstsein dafür, dass Lehrer nicht mehr selbstherrliche Autoritäten sein, sondern kooperativ arbeiten sollten. Also in Zusammenarbeit mit Schülern, Eltern und Kollegen. Das wird bisher nur an ganz wenigen Schulen praktiziert. Stattdessen ist ein Kampf aller gegen alle entbrannt. Dabei verlieren alle Beteiligten.

STANDARD: An der Universität Wien referieren Sie im Rahmen der vom Fachdidaktikzentrum Psychologie-Philosophie von Konrad Paul Liessmann, Katharina Lacina und Bernhard Hemetsberger mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe „De magistro – vom Pauker zum Lernbegleiter“ über „Bindung, Bildung, Coaching. Warum die Revision des pädagogischen Selbstverständnisses überfällig ist“. Wieso ist sie das?

Eichel: Bindung und Bildung gehören zusammen, das ist in der Forschung unstrittig. Mit einem solidarischen, unterstützenden Gegenüber lernen wir motivierter, leichter und nachhaltiger. Hat ein Schüler Probleme, oft unverschuldet, weil er aus einem bildungsfernen Elternhaus stammt, wird er vom Lehrer aber meist abgelehnt. So gerät der Schüler in eine negative Schleife, wird verhaltensauffällig, die Konflikte schaukeln sich hoch. Die Lehrer spielen sich als Richter über gute und schlechte Leistungen auf. Vielen ist es egal, ob ihre Schüler erfolgreich sind. Das spüren die Kinder und Jugendlichen. Geraten sie aber an einen Lehrer, der ihnen signalisiert, dass ihr Erfolg ihnen am Herzen liegt, entsteht eine fruchtbare Lernbeziehung. Ein Umdenken ist erforderlich, und das ist ein langer Prozess, der von der Öffentlichkeit intensiv begleitet werden muss. Von selbst nehmen nur wenige Lehrer die Notwendigkeit dieses Rollenwechsels ernst. Die meisten meinen noch, es reiche aus, mit den immergleichen kopierten Aufgabenzetteln in die Klasse zu marschieren, nach dem Motto: „Friss, Vogel, oder stirb“.

STANDARD: Was meinen Sie mit „Bindung“? Sind Sie sicher, dass sich Lehrer „binden“ wollen?

Eichel: Viele Lehrer halten das für eine Zumutung, habe ich bei meinen Lesereisen erfahren. Sie fühlen sich schlicht überfordert. Wenn ich erzähle, wie an der ehemals chaotischen, gewaltgebeutelten Rütli-Schule in Berlin das Ethos einer Beziehungskultur gelebt wird, sind sie baff. Diese Schule hat sich eklatant zum Positiven verändert, seit die Lehrer sich als Bindungspersonen verstehen, sie besuchen jeden Schüler vor dem neuen Schuljahr zu Hause, sprechen mit den Eltern, machen sich ein Bild vom Umfeld. Die Lehrer veranstalten Elternfrühstücke und vieles mehr, was eine gemeinsame Zusammenarbeit begünstigt. Alle machen mit – auch Eltern aus bildungsfernen Schichten und mit Migrationshintergrund. Und die Lehrer versichern, dass sich die Mehrarbeit lohnt, weil sie zeit- und kräftezehrende Konflikte im Klassenzimmer verhindert. Leider ist dieses Beispiel nicht repräsentativ. Die Unwissenheit über die Relevanz eines bindungsorientierten Unterrichts ist ein Skandal.

STANDARD: Wie können Lehrerinnen und Lehrer „so etwas wie Beziehungskultur“ in der Schule herstellen, wenn sie alleine in einer Klasse stehen?

Eichel: Das Missverständnis beginnt schon damit, dass viele Lehrer meinen, sie ständen einer Gruppe gegenüber. Sie sind Teil der Gruppe, natürlich mit einer spezifischen Rolle und Funktion. Das Stichwort ist Classroom-Management. Probleme wie Renitenzen und Provokationen müssen souverän gemanagt werden, indem der Lehrer dem betreffenden Schüler Aufmerksamkeit schenkt, zum Beispiel in einem Einzelgespräch. Das alte Denken, ein Lehrer müsse seine Schüler wie ein Dompteur seine Raubtiere im Griff haben, ist überholt. Jeder Mensch will geliebt und anerkannt werden. Das klingt simpel, vielleicht sogar sentimental, ist aber die Wahrheit. Wenn ein Lehrer ausstrahlt, dass er sich als Teil der Gruppe fühlt, dass ihm jeder am Herzen liegt und dass er auch als Mensch an seinen Schülern interessiert ist, erledigen sich viele Probleme.

STANDARD: Sie verlangen eine „Erneuerung von innen, nicht eine Reform von außen“. Wie geht das?

Eichel: Lernforscher und renommierte Pädagogen wie John Hattie sind sich einig, dass die Lehrerpersönlichkeit eine zentrale Rolle für den Bildungserfolg der Schüler spielt. Es geht um Haltung. Die kann man nicht per Reform erzwingen. Zunächst sollten Lehrer bei sich selbst anfangen, denn alle Studien belegen, dass es ihnen nicht gutgeht – angesichts von Spitzenquoten bei Burnout, körperlichen und psychischen Erkrankungen. Sie fühlen sich überfordert und angefeindet. Und nicht nur das Klassenzimmer, auch das Lehrerzimmer ist oft vermintes Terrain. Ein kooperatives Klima unter den Lehrern wäre deshalb ein Anfang.

 

Verlagsinterview mit Christine Eichel über ihr Buch „Deutschland, deine Lehrer“


Frau Eichel, seit Jahrzehnten wird in Deutschland über Schultypen, Reformen und Strukturen gestritten. Warum jetzt ein Buch über die Lehrer?

Weil alle Erkenntnisse dafür sprechen, dass der Bildungserfolg eines Schülers am stärksten vom Lehrer abhängt. Dieser Faktor ist weit wirkmächtiger als Konzepte und Strukturen.

Was bedeutet das genau?

Die Beziehungsqualität ist entscheidend. Versteht sich der Lehrer als unbeteiligter Funktionsträger, der nicht für den Erfolg des Schülers verantwortlich ist? Oder als solidarischer Coach, der den einzelnen Schüler wahrnimmt, ihm über Defizite hinweghilft? Nur dann kann er Schüler ermutigen, an den eigenen Erfolg zu glauben; Psychologen sprechen von Selbstwirksamkeit.

Auf welches theoretische Fundament stützen Sie sich dabei?

Bindungsforscher wissen seit Jahrzehnten, dass keine Bildung ohne Bindung möglich ist, ohne emotional engagierte Bezugspersonen – auch in der Schule. Aber auch die Lernforschung, die Entwicklungspsychologie und neuerdings die Hirnforschung belegen: Die stärkste Motivationsdroge ist ein Gegenüber, das Lernprozesse als empathischer Coach begleitet. Und keinen Schüler fallen lässt, der Schwächen zeigt.

Sie sprechen davon, Lehrer sollten zugleich Psychologen, Sozialhelfer und Persönlichkeitsentwickler sein. Ist das nicht eine Überforderung?

Das Gegenteil ist der Fall. Denn so, wie Schule heute meist läuft, produziert sie zu viele ausgebrannte, resignierte Pädagogen. Das ist absurd und ein Skandal.

Haben Sie Belege dafür?

Laut der Potsdamer Lehrerstudie sind 60 Prozent der Lehrer gefährdet, nur 40 Prozent arbeiten bis zum regulären Rentenalter. Die Krankenstände sind ungewöhnlich hoch. Viele Lehrer erleben Mobbing durch Kollegen und Schulleitung. Es gibt keine Teamkultur an deutschen Schulen, und darunter leiden Lehrer wie Schüler. Das Schulklima ist vielerorts vergiftet. Ausgebrannte, resignierte Lehrer sind nun mal nicht in der Lage, Lernen als etwas Positives, Bereicherndes zu vermitteln.

Wie wirkt sich das auf die Schüler aus?

Wir haben zu viele Bildungsverlierer. 20 Prozent der deutschen Schulabsolventen, das belegen zahlreiche Studien, verfügen nur über unzureichende Textkompetenzen und kommen über die Grundrechenarten nicht hinaus. Sie verstehen weder die Gebrauchsanweisung für eine Kaffeemaschine noch einen Ratenvertrag. Und selbst Abiturienten fehlt es an Motivation sowie eigenständiger Leistung – deshalb brechen 35 Prozent der deutschen Bachelor-Studenten das Studium ab. Das sind alarmierende Zahlen.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Oft keine gute. Viele interessieren sich nicht für die Schulleistungen ihrer Kinder. Andere dagegen fliegen als aggressive Helikoptereltern in die Schule ein. In der Regel wird versäumt, die Eltern von vornherein aktiv einzubeziehen. Die Lehrer schotten sich meist ab, sind nicht erreichbar, weigern sich, Telefonnummern oder Email-Adressen rauszurücken.

Wie sähe das Gegenmodell aus?

Kooperation von Anfang an. Einige Schulen haben dies mit großem Erfolg erprobt. Der berüchtigten Rütli-Schule beispielsweise ist es gelungen, die Eltern zu Partnern zu machen, auch in bildungsfernen und Migrationsmilieus. Mit Elternfrühstücken, Elterncafé und obligatorischen Hausbesuchen der Lehrer. Eine Beziehungskultur ist entstanden, die viele Konflikte von vornherein verhindert. Alle ziehen am selben Strang.

Muss sich an der Ausbildung der Lehrer etwas ändern?

Unbedingt. Jeder zweite Lehrer fühlt sich unzureichend auf den Schulalltag vorbereitet und erlebt einen Praxisschock. Das Studium ist noch immer zu realitätsfern, im Referendariat werden oft veraltete Autoritätsideale vermittelt, die zu belastenden Frontbildungen führen. Dennoch können die Lehrer etwas ändern –sie müssen selbst die Initiative ergreifen.

Ist das nicht etwas viel verlangt?

Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Und dann großartige Lehrer und engagierte Schulleiter kennen gelernt, die wahre Wunder vollbracht haben. An einem bayerischen Gymnasium in Oettingen haben die Lehrer den Frontalunterricht abgeschafft; die Schüler lernen hochmotiviert in Teams, statt stupide Wegwerfwissen zu pauken. Sie erreichen alle Leistungsziele, trainieren außerdem ihre Teamfähigkeit und lernen, eigenständig zu arbeiten.

Liegt die allgemeine Resignation der Lehrer auch an ihrem schlechten Image?

Das ist ein großes Problem. Seit der Verbeamtung im 19. Jahrhundert verstehen sie sich meist als Staatsdiener, nicht als natürliche Verbündete von Schülern und Eltern. Deshalb ist Lehrerbashing heute Volkssport. Man spricht von „faulen Säcken“ oder „armen Schweinen“. Das ist fatal. Eine gesellschaftliche Aufwertung werden Lehrer jedoch nur erleben, wenn sie volle Verantwortung für den Bildungserfolg ihrer Schüler übernehmen – so wie in Finnland und den USA, wo es heißt: Kein Kind bleibt zurück. In den USA gibt es übrigens spezielle Wertschätzungstage für Lehrer, an denen man sich bei ihnen bedankt. Undenkbar bei uns.

Was halten Sie von Eignungstests für Lehrer?

Da die Lehrerpersönlichkeit eine immense Rolle spielt, wäre das sinnvoll. Kontaktscheue Nerds verfügen selten über soziale Intelligenz und Empathie, deshalb finden sie keinen produktiven Kontakt zu ihren Schülern. Viele Lehrer wünschen sich aber auch berufsbegleitende Coachings und Supervision, um Sinnkrisen und emotionale Belastungen bearbeiten zu können. In dieser Hinsicht sind wir ein rückständiges Entwicklungsland.

 

Warum sind Lehrer eine Risikopopulation, und wieso hat nicht jeder das Zeug zum guten Pädagogen? Christine Eichel erforscht diese Fragen in ihrem neuen Buch: „Deutschland, deine Lehrer“. Der aktuell größte Überraschungserfolg im deutschen Kino ist der Film „Fack ju Göhte“, in dem ein Bankräuber zum Aushilfslehrer wird. Ausgerechnet dieser bildungsferne Gangster kann die Schüler plötzlich zum Lernen motivieren und verfügt über mehr Autorität als die ausgebildeten Pädagoginnen. In ihrem neuen Buch „Deutschland, deine Lehrer“ analysiert die Journalistin Christine Eichel den Film als  „Abrechnung mit dem deutschen Schulunwesen“ und fragt: Was läuft falsch an unseren Schulen? Warum werden Lehrer entweder als Witzfiguren belächelt oder als faule Säcke beschimpft? Wieso erreichen nur 40 Prozent von ihnen die Regelaltersgrenze, und warum leidet die Mehrheit unter Stress, Burn-out und Mobbing?

Christine Eichel hat sich auf eine spannende Spurensuche begeben, um die Problematik zu verstehen und die aktuelle Situation zu verbessern. Für ihr Buch hat sie mit vielen Lehrern, Eltern und Schülern gesprochen, und sie erinnert sich an die Schullaufbahn ihres Sohnes, dessen Neugier und Freude am Lernen nach der Grundschule versiegten. Die Autorin geht zurück in die Geschichte des Lehrerberufs, die um 350 vor Christus in der Schule von Athen beginnt und erklärt die Entwicklung zum preußischen Berufsbeamtentum. Sehr aufschlussreich ist auch ihre Analyse der unterschiedlichen Lehrerpersönlichkeiten anhand der Literaturgeschichte, wie zum Beispiel Heinrich Manns berühmter „Professor Unrat“, der lethargische Lehrer Helmut Halm in „Ein fliehendes Pferd“ von Martin Walser oder die Schülerhasserin Inge Lohmark in Judith Schalanskys “ Der Hals der Giraffe“.

Doch sie weiß auch, dass die Lernbereitschaft der Schüler letztendlich von der Lehrerpersönlichkeit abhängt. Hat die Lehrkraft eine starke Ausstrahlung und ist den Schülern emotional zugewandt, kann der magische Funke überspringen. „Jeder Lehrer kann etwas bewegen“, sagt Christine Eichel in ihrem Buch, das sich umfassend und nachhaltig mit unserem Schulsystem auseinandersetzt, anstatt klassisches Lehrerbashing zu betreiben. „Deutschland, deine Lehrer“ ist eine wertvolle Lektüre für alle, die etwas bewegen wollen und gleichzeitig die Realität im Blick habe: „Die Zukunft der Schule wird davon abhängen, in welchem Maße auch die Lehrer an Veränderungen interessiert und wieviel sie selber dafür zu geben bereit sind. Dafür brauchen sie mehr Verständnis, mehr Ermutigung, mehr Autonomie.“

Zeit online

 

Ein Plädoyer für mehr Mut zur Innovation – und eine bessere Schüler-Lehrer-Beziehung. Christine Eichel hat für dieses Buch viele Gespräche geführt … Die Einblicke sind interessant, manchmal schockierend, oft überraschend. Ein kluges Buch zu einem wichtigen Thema. Christine Eichel recherchiert versiert und konzentriert sich auf argumentativ saubere Analysen und konstruktive Kritik. .Eine gut lesbare Ermutigung zu tun, was zu tun eigentlich naheliegend sein sollte.“.

BZ

 

Den Ruf nach einem Lehrer neuen Typs gibt es schon lange. Und er bleibt aktuell, wie das jetzt erschienene Sachbuch „Deutschland, deine Lehrer“ zeigt. Es ist ein Plädoyer für mehr Mut zur Innovation – und eine bessere Schüler-Lehrer-Beziehung. Von Betroffenen und der Lehrergewerkschaft GEW gibt es ein geteiltes Echo. Autorin Christine Eichel beschwört in ihrem Buch einen Wandel. „Die Ära der empfindungsarmen Wissensverwalter ist vorbei, das Zeitalter der emotional beteiligten Spieler, der Multitasker, der Teamplayer hat begonnen.“ Der Schulverdrossenheit vieler Kinder und Jugendlicher müssten Lehrer mit Engagement, Erfindungsreichtum und Innovationsgeist begegnen. Es hätten nur leider noch nicht alle Lehrer bemerkt, dass eine neue Zeit angebrochen sei. Zwar gebe es einige engagierte, aufopferungsvolle und hochmotivierte Exemplare – sie seien aber nicht die Regel.

Mehr Team-Play an den Schulen fordert Eichel: Lehrer müssten sich aus ihrem Einzelkämpfer-Dasein befreien. Heinz-Peter Meidinger vom Philologenverband sieht hier ebenfalls einen Nachholbedarf: „Es wäre ein enormer Push für gelingende Lernprozesse, wenn sich Lehrer untereinander stärker austauschen würden.“ Damit der neue Lehrertypus an allen Schulen einziehen kann, braucht es Eichel zufolge nicht nur den ernsthaften Willen jedes Einzelnen, sondern auch mehr Autonomie und weniger administrative Gängelung.

focus.de

 

Als das Allensbach-Institut im Jahr 2012 Pädagogen zu ihrer Bedeutung befragte, waren 48 Prozent der Lehrer der Meinung, sie hätten wenig oder gar keinen Einfluss auf ihre Schüler. Lediglich acht Prozent der Befragten meinten, sie hätten eine „sehr große Bedeutung“. Es sind nicht zuletzt Zahlen wie diese, die Christine Eichel zu ihrem Buch „Deutschland, deine Lehrer“ gedrängt haben. Wer jetzt vor allem Lehrerschelte erwartet, weil die so einfach wie bewährt ist, wird schnell merken, dass es um sehr viel mehr geht.

Eichels These ist, dass sich im Klassenzimmer die Zukunft der Kinder entscheidet. Derzeit sind die Resultate oft verheerend. „20 Prozent der deutschen Schulabgänger haben große Schwierigkeiten, Texte zu erfassen und kommen über die Grundrechenarten nicht hinaus. Das sind fehlende Kompetenzen, die nicht nur den weiteren Bildungsweg erschweren, sondern sich auch im Alltag katastrophal auswirken“, sagt Eichel im Gespräch mit n-tv.de. „Wer nicht in der Lage ist, eine Verbraucherinformation richtig zu lesen oder einen Ratenvertrag bei der Bank zu durchschauen, der hat es richtig schwer. Und da hat eigentlich unser Schulsystem versagt.“ Für dieses Versagen macht Eichel weniger Bildungskonzepte als vielmehr Personen verantwortlich. Viele Lehrer sehen sich demnach eher als Bildungsbeamte, die vor allem ihrem Schulleiter und der zuständigen Behörde verpflichtet sind. Andere sind wegen der schlechten Stimmung an den Schulen, die sich nicht zuletzt in hohen Krankenständen bis hin zum Burn out, Mobbing und schließlich der Frühverrentung äußert, vor allem mit sich selbst beschäftigt.

35 Prozent der Pädagogen fühlen sich auf den Umgang mit den Schülern unzureichend vorbereitet, obwohl die Motivation, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, bei Lehrern immer noch an erster Stelle steht. Doch wie viele gehen dann täglich ins Klassenzimmer und sehen kleine oder auch größere Menschen, die ihnen prinzipiell wissensdurstig und neugierig entgegenblicken? Dabei ist es längst eine Binsenweisheit, dass Kinder besonders gern von jemandem lernen, zu dem sie eine enge Bindung haben. Das heißt im Umkehrschluss: Auch in der Schule gehören Bindung und Bildung zusammen. „Lehrer sind immer potenzielle Bindungskandidaten, sie sehen das nur selbst meist nicht. Sie haben in ihrer Ausbildung gelernt, ihre Rolle stark zu versachlichen. Sie beschäftigen sich mit ihren fachlichen Inhalten und mit der Didaktik. Deshalb verstehen sie ihren Beruf als angewandte Methodik, nicht etwa als den Aufbau einer Beziehungskultur.“ Dabei verlieren sie leicht die Kinder aus dem Blick.

Eichel nennt es verrückt, dass viele Lehrer das Bindungsbedürfnis von Kindern so konsequent ignorieren können. Dabei sind die Folgen deutlich sichtbar, nicht nur in den unzähligen Autoritätskonflikten, in denen Schüler darum kämpfen, wahrgenommen zu werden. Auch mentale Abwesenheit, Langeweile bei gleichzeitig fehlender Teilnahme am Unterricht oder die Neigung zur Konfliktvermeidung ohne Lösungsabsicht sind Anzeichen für eine nicht gelingende Lehrer-Schüler-Beziehung, an deren Ende eine völlig versiegende Lernmotivation stehen kann. Lehrer könnten also durchaus sehen, ob ihr Unterricht ankommt oder nicht.

Doch „viele Lehrer sagen, ich mache ein Angebot und wer nicht mitkommt oder das Angebot nicht annimmt, hat gewissermaßen selbst schuld. Die Verantwortung für gelingenden Unterricht wird an die Schüler und an die Eltern delegiert.“  Schon länger suchen Experten nach stabilen Lernmotivatoren. Eine Erkenntnis ist: Wer an seine Kompetenz und seine Begabungen glaubt, ist eher bereit, sich anzustrengen – der Psychologe Albert Bandura nennt es Selbstwirksamkeit. Erfolgreiche Lehrkräfte schaffen es, genau diese Überzeugung zu vermitteln. „Wir alle kennen diese Lehrer, die eine unglaubliche Ausstrahlung hatten, von denen wir uns aber auch wahrgenommen und motiviert fühlten und die uns ein Fach erschlossen haben. Ich fürchte, dass vielen Lehrern diese einfache Erkenntnis nicht bewusst ist“, meint Eichel. Es gebe zwar auch diejenigen, die sich im Klassenzimmer auf einfache menschliche Werte besinnen und gegen die eigene Versachlichung rebellieren – noch seien es aber zu wenige.

Eichel erzählt von verschiedenen Lehrern und ihrer besonderen Art, solidarische Lernpartner von Schülern und Eltern zu sein. „Es gibt gute Lehrer, das muss man sagen und die muss man auch feiern.“ Pädagogen wie Sabine Czerny oder Robert Rauh haben im Kopf und im Herzen die Entscheidung getroffen, Bindungsperson zu sein, „auch wenn sie das selbst vielleicht nicht so sagen würden“. Sie besuchen Familien zu Hause, um den Kontext des Kindes besser verstehen zu können und nicht erst dann Kontakt zu den Eltern zu suchen, wenn es Probleme gibt. Sie sind offen für Gespräche im Unterricht, sie üben für Klausuren, mit dem Ziel, dass die Schüler leisten können, was sie leisten sollen. Sie stoßen Projekte an und sind dafür sogar nachts am Telefon erreichbar. Sie unterrichten im Team und begleiten Erfolge wie Misserfolge ihrer Schüler gleichermaßen solidarisch. Und wenn es drauf ankommt, sind sie einfach nur Mensch.

Das klingt nach einer heftigen Zumutung für die Lehrer. Und das ist es im „extrem defizitären“ beruflichen Umfeld vieler Lehrkräfte wahrscheinlich auch. Denn Lehrer erfahren viel zu wenig Wertschätzung für ihre Arbeit. Viele Einsparmaßnahmen gingen auf ihre Kosten, Engagement wurde zur Freizeitaktivität. Eichel widmet den Belastungen vieler Lehrer, der Missachtung durch die Gesellschaft, dem Stress, dem Zeit- und Leistungsdruck, unter dem Pädagogen arbeiten, sowie dem fehlenden Rückhalt bei Kollegen und Vorgesetzten viele Seiten. Trotzdem bleibt sie dabei: Lehrer haben die „Wahl zwischen aggressivem Kampfmodus oder solidarischer Kooperation“. Und gelingende Schüler-Lehrer-Beziehungen wirken auf die Pädagogen zurück. Eltern sind eher bereit, sie als Partner anzunehmen. Schüler erzielen nicht nur bessere Lernerfolge, sondern verhalten sich auch respektvoller dem Lehrer gegenüber.

Um diese Veränderungen zu bewirken, muss man nicht gleich die gesamte Struktur einer Schule ändern oder alle Wände einreißen. Vieles kann die Persönlichkeit eines Lehrers bewirken. Deshalb befürwortet Eichel Persönlichkeitstests für zukünftige Lehrer, aber auch Fortbildungen und Supervision. Durch die Art der Ausbildung könnte man aber auch Menschen darauf aufmerksam machen, dass sie „in ihren Kommunikationsfähigkeiten und ihren emotionalen Kompetenzen Defizite haben, die sie bewusst korrigieren können“. Dann würden Lehramtsstudenten im ersten Semester lernen: Es ist egal, ob ihr Mathe oder Deutsch unterrichtet, das Wichtigste ist es, eine Beziehung zum Schüler aufzubauen. „Und dann kann man über Lerntheorie und Entwicklungspsychologie verstehen, was in den Köpfen und Herzen meiner Schüler vorgeht.“

ntv.de

 

„Wir sollten nicht länger auf Reformen von oben warten – eine Erneuerung der Schule kann nur von innen erfolgen, durch ein verändertes Selbstverständnis der Lehrer“, mit dieser These bringt Christine Eichel einen neuen Impuls in die Debatte. Sie stützt sich dabei auf aktuelle Studien, die belegen, dass die Lehrerpersönlichkeit eine weit wichtigere Rolle für den Lernerfolg der Schüler spielt als Schultypen und Konzepte. Eine Transformation des Lehrerberufs sei dringend notwendig – vom Bildungsbeamten zum Lerncoach. Die Bedingungen dafür seien allerdings denkbar ungünstig, solange das Image und die Selbstwahrnehmung der Lehrer derart desaströs blieben wie zurzeit. Immer mehr Pädagogen resignierten im Reizklima von Autoritätsproblemen, Helikoptereltern und starren Hierarchien, immer häufiger litten sie unter Mobbing und Burnout.

In ihrem Buch plädiert Christine Eichel für eine praxisnahe Lehrerausbildung, fordert aber auch mehr gesellschaftliche Anerkennung für diesen Beruf. Dass Lehrer weit nachhaltiger aktiv werden können als bisher, zeigt die Autorin anhand engagierter Pädagogen, die ungewöhnliche Erfolge vorzuweisen haben. Dabei wird deutlich, dass Lehrer und Schulleiter eine Schlüsselrolle für überfällige Innovationen einnehmen. Ein Buch für Lehrer, Eltern, Schüler und alle, die sich nicht mit dem Notstandsgebiet Schule abfinden wollen.

Media Spider

 

Die Autorin dieser umfangreichen Studie sieht die Voraussetzungen für einen gelingenden Unterricht fast ausschließlich in der Verantwortung und Kompetenz der Lehrer bzw. der Schulleitung. Sie stützt sich dabei auf zahlreiche Interviews und Selbsterfahrungsberichte von Lehrern, Eltern und Schülern (z.B. Internetforen, Umfragen …) sowie auf die einschlägige pädagogische Literatur und die Ergebnisse der modernen Hirnforschung. Dass der Lehrberuf mit enormen Belastungen verbunden ist, stellt die Autorin keineswegs in Abrede, aber sie betont immer wieder, dass diese ebenso wie das schlechte Image zum Teil selbst verschuldet seien. Der Lehrer, sagt sie etwas pauschal, sollte „den Kampf gegen die Schüler aufgeben und es mit Friedensverhandlungen versuchen.“ (S. 145) Auch die Ausbildung der Lehrer müsste sich stärker an ihren sozialpädagogischen Herausforderungen orientieren. Als positive Referenzbeispiele für gelingendes, selbst verantwortetes Schulmanagement stellt sie die einstmals berüchtigte Berliner Rütli-Schule und die IGS Göttingen vor.

Borromäus-Verein