Das Deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht

Das Deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht


„Ganz sicher leben wir nicht im Zeitalter der Verklärungen. Umso erstaunlicher, dass das Pfarrhaus immer noch eine große Anziehungskraft besitzt, dass man ihm Großes unterstellt und zumutet.“

Eine Pfarrerstochter ist Kanzlerin, ein ehemaliger Pfarrer Bundespräsident. Zufall? Seit Martin Luther den Zölibat verwarf, stieg das deutsche Pfarrhaus zum Paradigma christlichen Zusammenlebens auf. Als Hort der Bildung und Bollwerk gegen säkularen Sinnverlust wurde es auch gesellschaftlich relevant: religiöses Biotop und politischer Gegenentwurf, bürgerliche Enklave und antibürgerlicher Kampfschauplatz. Und nicht zuletzt Heimat so unterschiedlicher Pfarrerskinder wie Albert Schweitzer, Friedrich Nietzsche oder Gudrun Ensslin. Die Geschichte des deutschen Pfarrhauses erzählt von einem geistigen Reizklima mit hohem Wertepotenzial. Glaube, Liebe, Hoffnung, aber auch Kritik, Einspruch und Radikalität das sind offenbar wieder attraktive Optionen in Zeiten des unverbindlichen Pragmatismus. Das deutsche evangelische Pfarrhaus steht singulär in der europäischen Kulturgeschichte. Wohl in keinem anderen Land hat man den Pfarrer und seine Familie derart aufmerksam in den Blick genommen: als Träger der protestantischen Kultur, als geistliches Kraftfeld, als künstlerisches Ferment.

 

Rezensionen

Erschienen
2012
Seitenzahl
368
ISBN
978-3869950402

REZENSIONEN


Interview mit dem European


The European: Der ehemalige evangelische Pastor Joachim Gauck ist Bundespräsident, Angela Merkel, Tochter aus ostdeutschem Pfarrershaushalt, Kanzlerin. Zufall?
Eichel: Nein. Die Ansprüche an Politiker ähneln immer mehr denen, die man früher an Pfarrer stellte.

The European: Welche sind das?
Eichel: Bescheidenheit, eine gewisse Demut. Politiker wie Pfarrer sollen moralisch unbedenklich sein und natürlich nie in den Ruf geraten, dass sie finanzielle Vorteile mit ihrem Beruf verbinden. Dass der Pfarrer es nicht auf materielle Güter abgesehen hat, das gebietet schon das christliche Armutsgebot. Gerade die Debatte nach dem Rücktritt Christian Wulffs hat gezeigt, dass die Ressource Pfarrhaus für das politische Personal plötzlich wichtig wurde. Es wurde ja nicht nur Joachim Gauck genannt, sondern auch Margot Käßmann und Altbischof Huber. Man wollte eine geistig-moralische Erneuerung aus dem Geiste des Pfarrhauses heraus. Die Tugenden, die da gepflegt werden, passen offenbar zum Anforderungsprofil des Politikers heute.

The European: Und Politiker wie Joachim Gauck oder Angela Merkel erfüllen dieses Anforderungsprofil besonders gut?
Eichel: Ja, auf ganz unterschiedliche Weise. Natürlich stimmt das Image der Pfarrhausbewohner nicht immer unbedingt mit dem überein, was sie wirklich tun. Aber Frau Merkel ist ein gutes Beispiel. Die Abwesenheit von Prätention sieht man bei ihr schon am Kleidungsstil: Der ist sehr zurückhaltend, sie uniformiert sich ja geradezu mit ihren Dreiknopfblazern und den schwarzen Hosen. Außerdem wohnt sie in einer Etagenwohnung, nicht in einer Villa. Sie wandert in den Dolomiten, macht nicht in der Karibik Urlaub. Das sind alles so Lifestyle-Dinge, auf die man aber heute sehr genau achtet.

The European: Und bei Joachim Gauck?
Eichel: Da ist es ein bisschen anders, weil Gauck diesen Nimbus des Pfarrhauses hat. Allerdings ist er in einer Zeit der DDR Pfarrer gewesen, als die Entkirchlichung schon sehr stark war. Das heißt, Gauck musste mit seinem christlichen Duktus für Menschen werben, er war ein Menschenfischer. Bei ihm haben wir also eine andere Ausprägung – aber die Vermutung, dass Leute aus dem Pfarrhaus ihr Amt nicht missbrauchen, gilt sowohl für Merkel als auch für Gauck.

The European: Welche Tugenden sind es, die Kinder aus Pfarrhaushalten in der politischen Sphäre so erfolgreich machen? Die sogenannte „protestantische Arbeitsethik“ entlarven Sie in Ihrem Buch ja als Mythos.
Eichel: Schon Webers Zeitgenossen haben sich sehr kritisch mit dieser Ethik auseinandergesetzt. Es lässt sicher aber beobachten, dass im Pfarrhaus oft – nicht immer – ein großer Hang zu Sekundärtugenden, preußischen Tugenden besteht: Pflichterfüllung, Disziplin, Unbestechlichkeit. Man sollte diese Vorschusslorbeeren natürlich nicht jedem Politiker, der aus einem Pfarrhaus kommt, zugestehen.

The European: Wenn es eine Sehnsucht nach protestantischen Werten gibt, woher kommt sie? Die Wulff-Affäre war ja sicher nicht der einzige Faktor.
Eichel: Wir leben in sehr unsicheren Zeiten. Die Leute haben das Gefühl: Das Geld ist unsicher, der Euro könnte scheitern. Man spürt auch, dass die Wachstums- und Komsumgesellschaft, wie wir sie lange hatten, an ihr Ende kommen könnte. Deshalb wollen wir Menschen, die sich als Krisenmanager eignen – und die selber nicht in Saus und Braus leben, sondern diszipliniert sind, sodass man ihnen zutraut, auch persönlich zu sparen.

The European: Die Debatte über Politikergehälter, Vergünstigungen …

Eichel: Es wird momentan genau hingeguckt, was Politiker kosten, wie sie leben und ob sie reicher sind als andere. Teilweise ist das sicher auch eine Neiddebatte. Typisch deutsch! Wenn in Amerika jemand im Rolls Royce vorfährt, dann applaudieren alle. In Deutschland würde man fürchten müssen, sich eine Beule oder einen Lack-Kratzer zu holen. Das Klima ist ein anderes. Das liegt an der protestantischen Kultur – und die bekommt durch die Krisenstimmung neues Feuer. In Zeiten, wo wir permanent diskutieren, was ein Hartz-IV-Empfänger bekommen soll, kommt es einfach nicht gut an, wenn ein Politiker mit einer Rolex durch die Gegend läuft.

The European: In anderen Ländern scheint man weniger streng mit Politikern zu sein: Sarkozy regierte in Frankreich mit „Bling Bling“, Berlusconi in Italien mit „Bunga Bunga“.
Eichel: Das ist tatsächlich ein Phänomen. Es zeigt, dass wir nicht gerade in einer hedonistischen Kultur leben, denn als Politiker gerät man doch schnell unter Luxusverdacht. Eine Ministerin in Frankreich darf im Chanelkostüm auftreten. Hier würden wir direkt fragen: „Woher hat sie das Geld?“

The European: In Ihrem Buch erklären Sie das deutsche Pfarrhaus zur „Absage an den Kulturpessimismus“. Was meinen Sie damit?
Eichel: Kulturpessimismus ist eine Haltung, die eine Art Grundapokalypse in sich trägt: Alles wird immer schlimmer und irgendwann wird die Welt untergehen. Die christliche Glaubenswelt jedoch ist eine der Hoffnung und der Heilserwartung. Diese theologische Basis legitimiert Pessimismus also generell nicht. Mit anderen Worten: Wenn man als gläubiger Christ in die Zukunft sieht, hat man immer die Verheißung vor Augen, die Hoffnung auf Erlösung. Alles wird sich zum Besseren wenden! Vielleicht sind solche Denk- und Hoffnungsmuster auch Sehnsuchtsmuster und passen ganz gut in eine Zeit, wo so viele den Untergang predigen und es auch eine gewisse Lust am Untergang gibt.

The European: Gauck und Merkel sind beide in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Was unterschied das Pfarrhaus dort von dem im Westen?
Eichel: Die Pfarrhäuser waren in der DDR von vorneherein in einer Außenseiterposition. Sie passten nicht zur Ideologie. Der Staat machte der Kirche stark Konkurrenz, zum Beispiel mit der Jugendweihe – er wollte das Monopol haben, auch auf die Freizeitbespaßung. Dadurch hatte das Pfarrhaus eine Art Inselcharakter, mit sehr viel bürgerlicher Kultur, Tischgebeten und Hausmusik. Wenn solche Enklaven entstehen, dann geht es manchmal nach dem Motto zu: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Das Pfarrhaus war also von vorneherein nicht unter dem Druck, systemkonform zu sein. Das hat es zum Anziehungspunkt für viele gemacht, die Schwierigkeiten mit der DDR hatten, mit der Ideologie, der fehlenden Diskurskultur und den real existierenden Verhältnissen.

The European: Das ostdeutsche Pfarrhaus als Widerstandszelle?
Eichel: Die Pfarrhäuser politisierten sich tatsächlich und wurden damit auch zur treibenden Kraft der friedlichen Revolution. Nehmen wir die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Die waren aus dem kirchlichen Kontext entstanden. Und in der ersten frei gewählten Volkskammer nach Ende der DDR gab es, glaube ich, 18 Pfarrer. Markus Meckel beispielsweise hat seinen Talar an den Nagel gehängt und ist ganz in die Berufspolitik gewechselt.

The European: Ist diese Vermischung von Glauben und Macht nicht eher gefährlich? Luther unterschied noch klar zwischen den beiden Sphären, in Gauck und Merkel vermischen sie sich.
Eichel: Wir haben natürlich die Trennung von Staat und Kirche und die ist auch sehr wichtig. Ich glaube aber, dass die lutherische Unterscheidung – die „Zwei-Reiche-Lehre“ – auch lange ein großes Problem war: Im Reich Gottes ist nur Gott der oberste Richter und Herr, im irdischen Reich müssen wir der Obrigkeit gehorchen. Das war eine ziemlich fatale Weichenstellung. Luther selbst hat mit den Landesherren kooperiert, sie und teilweise auch die evangelischen Pfarrer bezahlt und damit die Allianz von Thron und Altar im Grunde besiegelt. Das führte dazu, dass es eine – nicht immer sympathische – Loyalität der Pfarrer mit den Herrschenden gab. Im Dritten Reich war das einer der Gründe, warum evangelische Pfarrer versagt haben, nicht den Mut hatten, Widerstand zu leisten.

The European: Aber es gab doch die „Bekennende Kirche“.
Eichel: Selbst diese war eher eine Bestrebung, die evangelische Kirche autark werden zu lassen, denn Hitler wollte ja alles gleichschalten. Aber sie war kein wirkliches Widerstandsforum. In der DDR setzte deshalb der Lernprozess ein: Man hat gesehen, wie schlimm Kollaboration mit einem totalitären Staat ist – und der Luther’schen Idee aufgekündigt.

The European: Das mag sein, aber in der Person des Politikers und des Pfarrers verbinden sich dann eben doch Macht und Glauben, oder?
Eichel: Die Politiker aus dem Pfarrhaus, die wir an der Macht sehen oder in Schlüsselpositionen, vermitteln uns eigentlich keinen Glauben. Zumindest Frau Merkel hält sich da sehr zurück. Herr Gauck hingegen benutzt in seinen Reden manchmal pastorale Begriffe wie Hoffnung, Zuversicht. Aber weder Frau Lieberknecht noch Frau Göring-Eckart kommen dauernd mit christlichen Werten um die Ecke. Der Glaube wird quasi nicht als Mogelpackung in einem Machtgestus mitgeliefert.

The European: Mit der „Ressource Pfarrhaus“ könnte es allerdings irgendwann vorbei sein: Der Theologe Karl-Wilhelm Dahm sagt voraus, dass sich die Symbiose von Pfarrberuf und Pfarrhaus völlig auflösen wird. Was bedeutet das für die Zukunft des Pfarrhauses?
Eichel: Ich bin noch in einem Pfarrhaus aufgewachsen, wo die Familie ein kirchlicher Betrieb war. Das heißt, der Vater hat natürlich seine Pfarrdienste getan und zwar 24 Stunden am Tag. Nachts wurde auch mal geklingelt, wenn jemand im Sterben lag. Meine Mutter hat den Kirchenchor geleitet und alle möglichen anderen Gemeindearbeiten gemacht. Wir Kinder haben Klavier oder Orgel gespielt, die Kirche geschmückt, bei Basaren gebastelt. Die ganze Familie war integriert.

The European: Und das ist heute nicht mehr so?
Eichel: Zunächst sind die typischen Pfarrfrauen verschwunden, die sich im Zuge der Emanzipation nicht mehr über ihren Mann definieren wollten. Aber auch die Kinder wollen nicht mehr so mitmachen, es gibt ein größeres Bedürfnis nach Privatheit: Man besteht darauf, dass die Pfarrersfamilie Rückzugszonen hat und nicht so „gläsern“ ist. Die Familie sollte ja wie der Pfarrer absolut untadelig sein, sich richtig für die Gemeinde ins Zeug legen – und das alles ohne Krisen, ohne Konflikte. Diese Erwartungen sind natürlich nicht mehr haltbar. Es könnte also sein, dass sich wieder alles stärker auf den Pfarrer konzentriert und die Familie nicht mehr so im Blickpunkt steht.

The European: Wie erleben Pfarrerskinder das Aufwachsen in so einer „gläsernen Familie“?
Eichel: Man muss von Fall zu Fall differenzieren. Ich habe mit Pfarrerskindern gesprochen, von denen manche sagten: Das war ganz toll, ich wurde gebraucht, ich fühlte mich wohl, das war so ein Mikrokosmos, in dem ich was tun konnte. Andere waren traumatisiert.

The European: Auch wenn nicht alle Pfarrhauskinder traumatisiert sind – viele blicken dennoch kritisch auf ihre Kindheit zurück, so wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Friedrich Nietzsche und Gottfried Benn.
Eichel: Durch die Beobachtung von außen entsteht natürlich auch Druck nach innen. Wenn alle mit Argusaugen drauf gucken, was die Pfarrersfamilie tut, gibt es einen Druck, der sich manchmal auch negativ entlädt. Kinder bekommen vielleicht eine Überdosis Glauben ab, wie es meiner Meinung nach bei Benjamin von Stuckrad-Barre der Fall war. Der sagte, er hätte das Gefühl, er sei wie Obelix in einen Zaubertrank gefallen, und hätte damit seine endgültige Dosis gehabt.

The European: Entlädt der Druck sich manchmal auch in Form von Gewalt?
Eichel: Natürlich. Einige Pfarrerskinder, mit denen ich sprach, waren mit verbaler oder körperlicher Gewalt konfrontiert worden. Ein Pfarrer ertrug es manchmal nicht, wenn seine Familie sich abweichend verhielt. Der „Zeit“-Journalist Christoph Dieckmann hat erzählt, dass er von seinem Vater mit dem Fahrradschlauch verprügelt wurde. Er sagte aber auch: „Mein Vater war kein gewalttätiger Mann, er hat es nur nicht ertragen, dass seine Familie von dem abwich, was er sich als die ideale christliche Familie vorstellte.“ Ein anderer Pfarrerssohn sagte mir: „Das ist Delegations-Druck.“

The European: Was bedeutet das?
Eichel: Der Druck, den man selber spürt, wird weitergegeben, delegiert. Der Vater steht unter ungeheurem Erwartungsdruck, sich in der Gemeinde untadelig zu verhalten – das überträgt er auf die Kinder und wird dabei auch gewalttätig. Der Film „Das Weiße Band“ thematisiert das ausdrücklich. Und Ingmar Bergman beschreibt es in seinem Film „Fanny und Alexander“, wo es einen Bischof gibt, der die Kinder schrecklich züchtigt. Das ist die ganz schwarze Seite des Pfarrhauses.

The European: Ist Ihnen persönlich nie der Gedanke zur Rebellion gekommen?
Eichel: Ich würde es nicht Rebellion nennen – aber ich hatte eine absolut glaubensferne Phase. Als ich Philosophie in Hamburg studierte, lernte ich auch die Wonnen des Zynismus kennen, der Uneigentlichkeit. Damals, Anfang der 1980er-Jahre, war Glauben außerdem dermaßen out … Ich hätte das Gefühl gehabt, ich mache mich völlig lächerlich, wenn ich sage: „Ich glaube an Gott!“ Schon der Kinderglaube, so wie es ihn aus der Pfarrhauskindheit gab, hatte da nichts verloren. Es hat fast 20 Jahre gedauert, bis ich wieder zurückgefunden habe. Heute habe ich überhaupt kein Problem damit, über meinen Glauben zu sprechen oder zu sagen, dass ich relativ häufig in die Kirche gehe. Rebelliert habe ich also nicht, aber es gab doch die Notwendigkeit, sich erst mal vom Pfarrhausklima zu emanzipieren, intellektuell die Fenster zu öffnen, zu sehen, was es sonst noch gibt.

The European: Wie ist Ihr Vater damit umgegangen?
Eichel: Ich hatte Glück. Für meine Eltern war es schwierig, aber sie haben es mir nie vorgeworfen. Sie waren sehr großzügig – und das ist vielleicht auch Ausdruck von Gottvertrauen, zu denken: „Die kommt schon wieder zurück.“

Brauchen wir ein weiteres Buch über Pfarrhäuser? Wer das Buch von Christine Eichel, selbst im Pfarrhaus aufgewachsen, liest, erkennt neue Aspekte. Zunächst gibt es einen frischen Blick auf den „Mythos des deutschen Pfarrhauses“ und das „Pfarrhaus als Musentempel“ – da geht es traditionell von Luther und Katharina von Bora über Nietzsche und Benn bis Jean Paul. Aber 2012 kommen auch Elke Heidenreich, RTL-Nanny Katharina Saalfrank, Schauspieler Peter Lohmeyer, Journalist Christoph Dieckmann oder Architekt Meinhard von Gerkan in den Blick. Sie alle berichten über Pfarrhauserfahrungen von Offenheit und Empathie, die aktualisiert werden bis hin zum Asyl im Pfarrhaus, bei dem Pfarrhäuser den Konflikt mit dem Gesetz nicht scheuten. Den Höhepunkt von vermeintlichem Widerspruch und inhaltlicher Konsequenz birgt, dass selbst Erich Honecker Aufnahme in einem Pfarrhaus fand.

Eichel neigt aber nicht zur Romantisierung. Zum einen macht sie deutlich, dass das Pfarrhaus zunächst nicht gerade Hort der Bildung war. Viele evangelische Pfarrer der ersten Generationen hatten keine eigenständige theologische Ausbildung und mussten zudem ihren Unterhalt durch Feldarbeit erwirtschaften. Spannend zeigt Eichel die Entwicklung hin zu einem besonderen Bewusstsein für Sprache, Bildung und Wissenschaft im Pfarrhaus und auch der Musikalität als Erbe der Reformation. Das war der Nährboden dafür, dass so viele Pfarrhauskinder sich zu Literaten, Musikern, Geisteswissenschaftlern entwickelten. Gleichzeitig zeigt Eichel, welche Belastung die Erwartung bedeuten konnte, die ein Aufwachsen im Pfarrhaus mit sich bringt. Pfarrerskinder, schreibt sie, verbindet ein „Selbstverständnis, wirksam werden zu sollen“. Sie erkennt „weniger ein Leistungsethos … als ein Bewährungspathos“. Offen gestanden habe ich mich ertappt gefühlt. Wenn ich meinen Kindern etwas mitgeben wollte, dann das: die eigenen Gaben in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Gewiss entsteht dadurch so manches Mal ein Druck, der belastet.

In diesem Zusammenhang wirft Eichel einen kritischen Blick auf das, was Tilmann Moser einst „Gottesvergiftung“ nannte. Bedrückend ist zu lesen, wie Gewalt, erzwungener Gehorsam und verordnetes Schweigen manches Pfarrerskind prägten. Wer den Film „Das weiße Band“ gesehen hat, hat eindrückliche Bilder davon im Kopf. Aber auch das Bewusstsein für Schuld, das nach der Zeit des Nationalsozialismus in vielen Pfarrhäusern herrschte, hatte seine Konsequenzen. Das Aufbegehren dagegen geht bis hin zu Gudrun Ensslin, die meinte, die Gewalt der RAF als Widerstand verstehen zu können. Eichel sieht Ensslins Mutter als „Kronzeugin einer Haltung, die Fanatismus zumindest begünstigt, eine säkulare Form religiösen Eiferertums“ – eine bedrückende Schlussfolgerung.

Zum anderen scheint mir erstmals hier die Widerstandskraft, die im „Dritten Reich“ wie in der DDR in Pfarrhäusern wuchs, in Verbindung miteinander aufgearbeitet. Von der Allianz von Thron und Altar hin zu den Fragen der Glaubwürdigkeit im Nationalsozialismus und real existierenden Sozialismus war es ein langer Weg. Der „Obrigkeit“ untertan oder Gott mehr gehorchen als den Menschen? Eine Gratwanderung. Eindrücklich zeigt Eichel, wie Pfarrhäuser in der DDR Orte wurden, in denen „so etwas wie eine Debattenkultur“ überhaupt möglich war und so eine „Befähigung zum Politischen“ entstand, die manch einen vom Pfarrhaus nach 1989 in die Politik führte. Dieser Teil über die DDR erscheint mir besonders wichtig, weil er wenig beleuchtet wurde. Insgesamt ist so die interessante Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen im Pfarrhaus und dem politischen Handeln mancher Akteure im aktuellen Geschehen gestellt.

Anregend ist auch der Ausblick auf das Pfarrhaus heute. Da ist die Sehnsucht nach Privatheit, so wird die Frage nach der Residenzpflicht immer lauter gestellt. Gleichzeitig wünschen sich Gemeinden das Pfarrhaus vor Ort als Repräsentation von Kirche – eine heftige Spannung. Überbelastung wird heute thematisiert. Zudem: Pfarrfrauen haben eigene Berufe und Pfarrerinnen verändern die Rollenverteilungen und Erwartungshaltung – das sind völlig neue Herausforderungen für die Bilder vom Pfarrhaus!

Eichels Buchs ist spannend, und das nicht nur für Pfarrerskinder! Da wird politische Geschichte, Glaubensgeschichte und Kulturgeschichte Deutschlands lebendig und gut lesbar vor Augen gestellt. Mich hat die Lektüre angeregt, zum Nachdenken gebracht – auch mit Blick auf die Pfarrerskinder, die ich selbst erzogen habe.

Margot Kässmann, Der Tagesspiegel

Wulff, Steinbrück, Brüderle: Der Gewinner im Empörungswettkampf ist … das deutsche Pfarrhaus, die protestantische Kultur, die es verkörpert. Zufall oder Zeitgeist? Fakt ist, dass der höchste Mann, die höchste Frau im Staate aus diesem preußisch-lutherischen Milieu kommen. Freunderlwirtschaft, Weingenuss nur über fünf Euro, Sex & Machtstreben sind Gauck und Merkel so fremd wie einem evangelischen Pastor der Ablasshandel. Das Pfarrhaus versinnbildlicht die alt-neue Moral in einem Lande, das sich – welch Paradox – säkularisiert, ja »entchristianisiert«.

Glänzend hat Christine Eichel diese Kultur in ihrem Buch Das deutsche Pfarrhaus beschrieben. »Geld und Korrumpierbarkeit« bleiben vor der Tür. »Bescheidenheit und Zurückhaltung schützen vor den Versuchungen, sich Luxus zu erschwindeln.« Die »protestantische Arbeitsethik« verheißt »Fleiß und Pflichtgefühl«. Sex? Ausschließlich in der Ehe; Fontane lässt einen preußischen Offizier im Stechlin sagen: »Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht.« Der Kulturwandel lässt sich mit Händen greifen. Willy Brandt hatte seine Affären, Rainer Brüderle gerät in die »Dirndl-Falle«. Gerhard Schröder hatte Brioni, Cohiba und Grand Cru. Genosse Steinbrück muss sich im Staub winden, weil er von Geld und Kanzlergehalt redet; selbst im puritanischen Amerika hüllt sich Obama in feinstes Tuch, im katholischen Frankreich ist Haute Couture eine Selbstverständlichkeit für Ministerinnen. Angela Merkel trägt androgyne Arbeitsuniform; das Dekolleté hat sie nur einmal und nie wieder gezeigt – 2008 in der Oper von Oslo.

»Elegant« ist gleich »kapriziös«, was ebenso wenig ins neue deutsche Pfarrhaus passt wie unverhohlene Männlich- und Weiblichkeit. Frau Merkel kauft selber ein, und Steinbrück wird auf Aldi-Riesling gesetzt. Machtstreben kleidet sich in Pflichterfüllung; Geltungsbedürfnis ist des Teufels. Die Kanzlerin, notiert Eichel, wäre nicht die »erste Pfarrerstochter, die ihre kühle Raffinesse« – neutraler: Machttechnik – »hinter Bescheidenheit und Fleiß verbirgt«. Damit trifft sie perfekt das Lebensgefühl ihres Wahlvolkes.

Josef Joffe, Die Zeit

In einem Gespräch im Herbst 1977 mit den Regisseuren Alexander Kluge und Volker Schlöndorff erinnert sich Ilse Ensslin, sie habe ihre Tochter, als diese erst einige Wochen alt und noch nicht getauft war, entgegen der Weisung ihres Mannes der Sonne ausgesetzt. Das ungetaufte Bad in der Sonne aber, erklärt die Pastorengattin weiter, bedeute nach protestantischer Auffassung, die sich nicht mit der ihren decke, die Gefahr, dass das Kind vom Satan ergriffen werde. Ihre Tochter, führendes Mitglied der terroristischen Rote Armee Fraktion, war am Tag vor dem Gespräch beerdigt worden. Die Reaktion der Mutter, schreibt Christine Eichel in ihrem Buch „Das deutsche Pfarrhaus“, symbolisiere „das erbarmungslose Entweder-oder des evangelisch-pietistischen Pfarrhauses“. Das ist der dunkelste Abgrund, in den hier für einen Augenblick geblickt wird, und einer der wenigen in diesem Buch, in dem vom Teufel oder von Glaubensfragen die Rede ist. Porträtiert werden vielmehr die Lebensumstände in jener institutionellen Bodenstation, die seit bald fünfhundert Jahren den Abwehrkampf gegen das Böse führt.

Es gibt kein Vertun, die Liste der Pfarrer und Pfarrerinnen, ihrer Sprösslinge und Pflegekinder liest sich wie ein „Who’s Who“ der deutschen Geistesgeschichte. Um nur eine winzige Auswahl zu nennen seien angeführt: Gryphius, Gottsched, Lessing, Wieland, Matthias Claudius, Lichtenberg, Jean Paul, die Brüder Schlegel, Friedrich Schleiermacher, Schinkel, Nietzsche, C. G. Jung, Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Alfred Wegener, Theodor Mommsen, Heinrich Schliemann, Gottfried Benn, Hermann Hesse, Johannes Rau, Gudrun Ensslin, F. C. Delius, Meinhard von Gerkan, Hans W. Geißendörfer, Christoph Dieckmann, Elisabeth Niejahr, Franz Dinda und Katharina Saalfrank. Letztere hatten für die Autorin den Vorzug, noch ansprechbar zu sein.

Wie steht es also heute mit dem Pfarrhaus, ist es noch der „Hort von Geist und Macht“, wie es der Untertitel vollmundig intoniert? Eichels These lautet: Das Pfarrhaus scheut die Macht nicht länger. Als Belegexemplare dienen vorwiegend ostdeutsche Politiker, allen voran Angela Merkel und Joachim Gauck, dann Reinhard Höppner, Katrin Göring-Eckardt, Christine Lieberknecht, Rainer Eppelmann, Richard Schröder, Markus Meckel. Ein neuer Politikertyp sei im Osten entstanden „dessen Ethos niemand in Frage stellen wird“, prophezeit Eichel. Die Kanzlerin agiere „wie ein Pfarrer, der nicht geliebt werden will, sondern respektiert“. Pfarrerstochter Merkel, Pastor Gauck: Im Kielwasser der Staatsspitzen ziehe eine „protestantische Kultur“ herauf. Diese neue Kultur lädt in ein offenes Haus, das sich durch Debattierfreude, Pflichtgefühl, Luxusverzicht und Selbstdisziplin auszeichnet. Hinter der Fassade drohten aber auch Strenge, Selbstgerechtigkeit, Sinnenfeindlichkeit und ein Mangel an Eleganz. Eichel hat – anders als Peter Sloterdijk – Sympathien für den Predigerton des Bundespräsidenten; bezaubert ist sie von der Nüchternheit der Kanzlerin. Die Heilserwartung, die sie dem Protestantismus aufbürdet, ist stattlich.

 Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wer glaubt, dass zum evangelischen Pfarrhaus eigentlich schon alles gesagt sei, wird von Christine Eichels im Quadriga Verlag erschienenem Buch „Das deutsche Pfarrhaus“ überrascht sein. Denn die 1959 geborene Pfarrerstochter lenkt ihren Blick weit über die bisher dominierende geisteswissenschaftliche Perspektive hinaus.

Wenn nun Christine Eichel den Bogen von Luthers Wittenberger Familiengründung bis zur Präsidentschaft des Pfarrers Gauck schlägt, zeigt sie, dass das Pfarrhaus mehr als ein Ort von Bildung und Gelehrsamkeit war.  Es macht den großen Reiz des Buchs von Christine Eichel aus, dass sie sich nicht allein auf literarische Quellen und die eigenen Pfarrhauserinnerungen stützt, sondern Interviews mit bisher nicht oder kaum als Pfarrerskindern hervorgetretenen Gesprächspartnern geführt hat: etwa dem Architekten Meinhard von Gerkan, dem Politiker Rezzo Schlauch, dem Schauspieler Peter Lohmeyer, der RTL-Super-Nanny Katharina Saalfrank und dem Hans-Dampf-in-manchen-Gassen Benjamin von Stuckrad-Barre.

Der häufig zitierte Satz „Das Pfarrhaus muss ein Glashaus sein“ war Ausdruck einer oft schwer erträglichen sozialen Kontrolle. Die Folgen solchen Aufwachsens sind mannigfach autobiografisch dokumentiert. Die Schattenseiten beschreibt Christine Eichel mit den Stichworten Erziehungsgewalt, erzwungener Gehorsam, verordnetes Schweigen, Ausbruchsversuche, Hass auf das Pfarrhaus im Kapitel „Gängelung und Revolution“. Die Autorin selbst aber blickt dankbar zurück und hofft negativer Entwicklungen zum Trotz auf eine Zukunft des Pfarrhauses.

Deutschlandfunk

Die gut 350 Seiten sind kenntnisreich gefüllt, voller interessanter Aussagen Betroffener, weitläufiger historischer Streifzüge und intelligenter Beobachtungen, haben aber auch seltsame Lücken. Überwältigend viele Stimmen prominenter Sprösslinge aus protestantischen Pastorenfamilien hat die 1959 als Landpfarrers-Tochter in Niedersachsen geborene Eichel zusammengetragen. Vom großartigen Aphorismenschreiber Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) über den Lyriker Gottfried Benn (1886-1956) bis zum zeitgenössischen 1968er-Schriftsteller und Büchner-Preisträger F.C. Delius (69): Immer interessante, oft auch kritische Auskünfte zur Pfarrhaus-Herkunft vieler Prominenter sind hier nachzulesen.
Unter dem Strich überwiegen für Eichel deutlich die positiven Züge der durch Martin Luther und die Reformation geschaffenen Kirchen-Institution. Ihr Buch sei „eine Annäherung an den Mythos des deutschen Pfarrhauses“ schreibt die Autorin und müht sich vor allem in den abschließenden Kapiteln nach Kräften, dem für viele Zeitgenossen längst verschwundenen Mythos neues Leben einzuhauchen.

focus.de